Paulus: Das älteste schriftliche Dokument zur Auferstehung
 
 
 

Das älteste schriftliche Dokument zur Auferstehung Jesu
(l Kor 15,3b-8)



Bereits etwa fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod Jesu, also lange vor den Evangelien, gab es eine Kurzfassung der »frohen Botschaft«, eine kurze kultische Formel, durch die den ersten Christen das Wichtigste über ihre neue Religion gesagt wurde, nämlich:

3 daß Christus starb über unseren Sünden,
gemäß den Schriften,
4 und daß er begraben wurde,
und daß er erweckt wurde am dritten Tag,
gemäß den Schriften,
5 und daß er geschaut wurde von Kephas, dann von den Zwölf.
6 Danach wurde er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich offenbar;
von denen die meisten da sind bis jetzt, einige aber entschliefen.
7 Danach wurde er von Jakobus geschaut,
dann von allen Aposteln.
8 Zuletzt aber von allen, als wäre es eine Fehlgeburt,
wurde er auch mir offenbar.
 

Der »Christus« — Grund der Wiedergeburt ans dem Geist

Fast schon eine Fehlgeburt! So empfindet der Apostel Paulus seine Neugeburt aus dem Geist. Er sagt das, um damit auch uns Hoffnung zu machen, denn, wie wir, war auch er ein Nachzügler, der unendlich lange nicht begriffen hat.
Er konnte nichts als Ketzerei sehen bei denjenigen, die bereits geführt wurden vom Heiligen Geist, deren Vorstellungswelt unter dem Eindruck des Todes Jesu bereits zusammengebro-

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chen war. Sein Starrsinn ging weit über den des Thomas hinaus. Das Blut Jesu reichte ihm nicht, er wollte mehr Blut fließen sehen, ja er setzte sich total dafür ein, diese verrückte Sekte der »Christen« auszurotten.
Schließlich aber war dann auch seine Welt am Ende. Die Christen hatten etwas, wonach sich auch etwas in ihm tief sehnte: ihr offenes Herz und ihr totales Vertrauen auf die Führung durch den Geist. Trotz der Verfolgungen durch ihn waren sie gelassen, er dagegen war gehetzt. Dieser Widerspruch war auf Dauer unerträglich. Die Umkehr war not-wendig. Und als sie geschehen war, konnte sich Paulus nur wundern, warum er so lange gebraucht hatte, zu begreifen. Und deshalb hat er seine Verwandlung schon fast wie eine Fehlgeburt empfunden. Saulus (wie Paulus vor seiner Bekehrung hieß) hatte Jesus nie persönlich kennengelernt. Dennoch hielt er sich für kompetent, ihn zu verdammen. Durch die Begegnung mit den Schülern Jesu aber geriet der anmaßende Karrierist (der »Saulus«) ins Wanken und seine wirkliche Natur konnte erscheinen, der »Paulus« (der Geringe). Und der »Paulus« konnte den Erlöser »sehen«.

Jesus ist der Erlöser des Paulus. Aber Paulus nennt ihn nicht einfach »Jesus«, wie die Evangelisten, denn wichtiger als der Mann Jesus, den er nie gekannt hat und der gestorben ist, ist für ihn der lebendige Erlöser, den er erfahren hat. In ihm sieht er den »Messias«, auf den die Israeliten so lange vergeblich gewartet haben. Aber Paulus nennt ihn auch nicht »Messias«, wie die Juden. Er gebraucht das griechische Wort dafür, »Christos«, denn er fühlt sich nicht als Jude erlöst, sondern als Mensch.
Der Erlöser des Paulus hat die heilsgeschichtlichen Grenzen Israels gesprengt, weil er nicht wie ein neuer König David gekommen ist mit militärischer Macht, sondern in der verletzlichen Gestalt eines Menschensohns (vgl. Phil 2, 6-11).
Der Prophet Jesaja (Jes 53) hatte diesen neuen Messias angekündigt und in Jesus hat sich seine Verheißung erfüllt: Jesus war der

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»Sklave JAHWE's«, der sich umbringen ließ, damit wir über unsere Schuld hinwegkommen.
Dieser Sklave JAHWE's wurde getötet und er ist begraben worden, aber am dritten Tag wurde er von einigen seiner Schüler »gesehen« und später noch von vielen anderen - zuletzt auch von Paulus.
Sie alle kamen ans Ende ihrer Welt, die einen durch den Schock des Kreuzes, die anderen durch die eindrucksvolle Verwandlung der Apostel.
Und als ihre alte Welt zerbrach, konnten sie sich für den Bereich der Wirklichkeit öffnen, der nur in Symbolen beschrieben werden kann. Und da sahen sie das Bild, das schon der Prophet Jesaja gesehen hat: den Archetyp des Erlösers. Aber sie sahen nicht eine Vision, wie er, sondern sie sahen die Wirklichkeit, denn die Vision war bereits Fleisch geworden in Jesus. Zuvor hatte ihnen ihr kleinliches »Ich« die Sicht verstellt. Dann aber hatten Schrecken und Sehnsucht die Schranken ihrer Wahrnehmung gesprengt. Und da konnten sie ihn sehen in der Tiefe der Wirklichkeit. Jetzt hatten sie wieder Zugang da hin. Jetzt war ihr eigentliches Ich wiedererwacht: das Ebenbild Gottes, die erlösende menschliche Natur, der Sohn des Menschen, der Christus.
Und genau diese Erfahrung bestätigt die Kirche noch heute in dem alten Gebet zur Taufwasserweihe in der Osternacht, wo es heißt: »Mache zahlreich die Wunder Deiner Wiedergeburt!«

Aber »die Juden« konnten »ihn« nicht sehen. Als Juden konnten sie ihn nicht sehen, weil sich »der Menschensohn« in keine völkischen Schranken pressen läßt. Hätten sie Jesus als Messias anerkannt, so hätten sie damit ihrer Auflösung als Volk zugestimmt, denn es war unvermeidlich, daß mit dem »Christus« eine neue Traditionslinie begann, in der die alten Verheißungen für alle Menschen gelten.
Aber auch das war ja bereits von den Propheten vorhergesagt worden.

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Das Volk Israel als solches konnte ihn also nicht anerkennen. Aber seine religiöse Tradition behält trotz der neuen Traditionslinie weiter ihren Sinn. Denn warum sollte der neue Weg nicht mit dem alten koexistieren, gleichsam als ständige gegenseitige Erinnerung an das ursprüngliche Ziel?
Für diejenigen aber, die in Jesus den Messias sehen konnten, ist die Vision der Propheten bereits wahr geworden. Für sie ist »Christus« daher zunächst ein Kürzel für Jesus; aber, wie wir gesehen haben, ist der »Christus« von Anfang an mehr als Jesus, nämlich die allzeit gegenwärtige Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen.
Und hier trifft sich die neue Tradition mit der des Buddhismus, denn »Buddha« (»der Erwachte«) ist ja auch nicht nur ein Ehrentitel für den Mann, der Gautama hieß, sondern bezeichnet gleichzeitig die verborgene göttliche Natur allen Seins.
Die Verwandlung, die die Apostel erfahren haben, wurde zwar durch einen besonderen Menschen ausgelöst, durch Jesus, aber einmal ausgelöst, entstand eine Kettenreaktion, die den »Christus« in jedem Menschen wachrufen kann. »Er« wartet ja in jedem Menschen schon lange auf diesen Anstoß. Das Ebenbild Gottes will endlich aus der Sklaverei des »Ich« befreit werden. Und wenn es befreit ist, wird dieser Mensch selbst zu einem »Christus«, zu einem in der Welt erscheinenden Erlöser.
 

Der »Christus« ist der Sklare JAHWE's

Die Verwandlung geht daher nicht nur von Jesus aus. Nicht nur er nimmt als Knecht Gottes die Schuld und die Schmerzen seiner Mitmenschen auf sich. Jeder Mensch, der seine Unschuld nicht verloren und auch jeder, der sie wiedergewonnen hat, nimmt das not-wendige Leiden auf sich, auch für andere. Das entspricht der menschlichen Natur. Deshalb sagen die Buddhisten, daß ein Erlöster ein »Bodhisattva« ist, ein neuer »Buddha«.

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Ganz offensichtlich ist das bei Kindern, die ja spontan handeln. Oft lenken sie durch eine Krankheit oder indem sie verrückt spielen, die Aufmerksamkeit so sehr auf sich, daß die Eltern ihre Probleme miteinander vergessen und solidarisch werden. Wissenschaftler würden vielleicht zugestehen, daß die Kinder so etwas tun, um die Eltern als Eltern für sich zu bewahren, aber es ist mehr als das. Das Kind folgt nicht Eigeninteressen, sondern dem Geist. Etwas in ihm (die endlose Liebe seiner menschlichen Natur) möchte mit dem Menschlichen in den Eltern kommunizieren. Nur dazu inszeniert es die Turbulenzen, unbewußt, aber mit absolut präzisem Timing. Und im Extremfall gehen Kinder sogar spontan in den Tod in Resonanz auf die Situation. Und in genau der gleichen Weise wehrt sich das unschuldige Kind in uns, unser Organismus, (und opfert sich unter Umständen) in einer Krankheit, um unser hartnäckiges »Ich« weich zu machen und ihm zu zeigen, daß es sein eigenes Fleisch und Blut mißhandelt. Und trotzdem beharren wir oft auf unserem Bild von uns und der Welt. Und anstatt die Botschaft unserer Natur anzunehmen und unser mißachtetes, aussätziges Wesen zu umarmen, bekämpfen wir die Krankheit, die sich zu unserem Schutz eingestellt hat, wie einen äußeren Feind.

Der »Sklave JAHWE's«, den Jesaia meint, ist also keine einmalige historische Person, sondern ein Grundzug der menschlichen Natur, die wir gewöhnlich nur deshalb nicht bemerken, weil wir sie mit unseren Unterscheidungen von »gut« und »schlecht« zugemauert haben. Wir identifizieren uns mit diesen Unterscheidungen und wir lassen den Geist nicht durch. Im Kontakt mit dem ursprünglich Menschlichen aber, sei es durch ein Kind, durch eine Krankheit, durch einen spirituellen Meister oder einfach »durch Gnade«, wird der Drang unserer Natur, dein Geist (= der Liebe) zu folgen, wiederbelebt. Und seine Anziehungskraft wirkt umso stärker, umso klarer das Beispiel ist, mit dem wir in Kontakt kommen.

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»Christus« — der Beginn des Mißverständnisses

Das Beispiel Jesu war äußerst klar, denn er ist dem Impuls des Geists, der ihn ans Kreuz geführt hat, nicht als unbewußt handelndes Kind gefolgt und auch nicht als blinder Fanatiker, sondern als einer, dessen Bewußtsein ungetrübt war, als einer, der diesen Weg gleichzeitig aus Hingabe und aus völlig freiem Willen gegangen ist. Aus diesem Grund sind durch die Begegnung mit dem Wesen Jesu so viele Menschen verwandelt worden. Sie nannten Jesus ihren Erlöser, den Messias, den »Christus«. Der Name »Christus« erinnerte sie an den Ursprung ihres Wiedergeburtserlebnisses. Und in diesem Namen hatten sie auch eine Formel, mit der sie das, was sie berührt hatte, anderen weitervermitteln konnten.
Aber gleichzeitig wurde mit der Formel auch der Grund gelegt für das spätere Mißverständnis — ganz ähnlich wie damals, als Gideon nach seinem Sieg über die Midianiter ein Symbol herstellen ließ für die Kraft JAHWE's, die diesen Sieg ermöglicht hatte. Zu Lebzeiten Gideons konnte das Symbol die Erfahrung der Kraft JAHWE's wieder wachrufen, später aber trat das Symbol selbst an die Stelle dessen, woran es erinnern sollte: die »Landkarte« wurde verwechselt mit dem Territorium; »Glaube« wurde zum für-wahr-Halten und damit zu einem magischen Aberglauben.
Und das gleiche geschah mit den christlichen Formeln. Im Dienst der Verkündigung beginnt schon bei Paulus eine Akzentverschiebung. Er spricht in seinen Briefen mehr über den Glauben an den »Christus« als über das, was dem leibhaftig erschienenen Christus, nämlich Jesus, wichtig war.
Bei Jesus kommt das Richtige von selbst — wie in der Geschichte vom barmherzigen Samariter — wenn ein Mensch ehrlich und unbefangen seiner inneren Wahrheit folgt. Paulus dagegen betont, in guter pharisäischer Tradition, die Moral. Während bei Jesus noch galt »verwehrt es ihnen nicht«, gelten bei Paulus Ausschlußkriterien. Während bei Jesus das Vorstellungsgebäude des »Ich« außer Kraft gesetzt werden muß, damit der Men-

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schensohn erscheinen kann und der betroffene Mensch zu einem zweiten Christus wird, beginnt bei Paulus ein neues Vorstellungsgebäude zu wachsen.
Das Institutionelle tritt in den Vordergrund. Die Erlösung besteht bei Paulus zwar immer noch in der Erweckung des Menschlichen durch die Begegnung mit dem Ebenbild Gottes, dem »Christus«, aber das geschieht jetzt praktisch nur noch im Rahmen der Mitgliedschaft in der Kirche.
Damit hat die Formel »Christus« einen neuen Akzent bekommen: Ihr Inhalt ist entrückt. Etwas von der Unnahbarkeit des alttestamentlichen Allerheiligsten ist an die Stelle des Menschensohns getreten. Und als sich diese Tendenz im Lauf der weiteren Kirchengeschichte noch verstärkte, war ihr Ursprung, Jesus, darin kaum noch wiederzuerkennen. Anstatt ein Leben aus der Wahrheit des Augenblicks zu ermöglichen, schüchterte der exklusive Anspruch des neuen Mythos wieder ein. Und schließlich wurden die »Christen« wieder auf ein äußerliches Gesetz verpflichtet - was Paulus noch ausdrücklich vermeiden wollte.
Damit war das Menschliche auf das Kirchliche eingeengt (wie zuvor auf das Jüdische) und der alte, unerlöste Zustand war wiederhergestellt. Anstatt der Verbreitung einer frohen Botschaft begann ein neues Proselytenmachen (Mt23, 13-15). Und von da an wurde die Möglichkeit, zu Lebzeiten verwandelt zu werden (1 Kor 15. 51; Mt 16, 28; Joh3, 8), nicht mehr erwähnt. Der Himmel war wieder verschlossen und konnte nur noch »nach« dem Tod durch lebenslange Unterwerfung unter die institutionellen Formen der Kirche erreicht werden.
Auch die Kirche war also von Anfang an dem gleichen Entfremdungsprozeß ausgesetzt, der im Alten Bund schon immer neue Propheten und »Offenbarungen« notwendig gemacht hatte. Da sich diese Struktur aber spontan gebildet hat und in gewisser Weise sogar von Jesus selbst angeregt worden ist, war sich »die Kirche« ihrer Anfälligkeit nicht bewußt. Und tatsächlich war das Nicht-Bewußtwerden dieser Anfälligkeit ein wichtiges Element ihrer (hypnotischen) Wirkung.

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Heute jedoch fehlt der Rapport. Weil man sich zu sehr auf die automatische Wirksamkeit der Lehren und Riten verlassen hat, sind sie unbemerkt unwirksam geworden. Bei den immer zahlreicheren »Christen« ist immer weniger von der Erlösung zu merken. Ihre heutigen Nachkommen suchen das Heil daher oft in anderen Traditionen. Und nicht zu Unrecht - schließlich geht es ja auch in den anderen Religionen um die gleiche menschliche Grunderfahrung! »Der Sohn des Menschen« hat eben viele Wege gefunden zur Wiedergeburt aus dem Geist!
Das entspricht der Botschaft Jesu und der biblischen Patriarchen. Und unser Zugang zu diesen Quellen wird erst dann wieder authentisch sein, wenn wir die Relativität der Wege erkannt haben.
Und dann ist die Begegnung mit Jesus oder mit den Patriarchen des Alten Bundes auch nicht mehr kalter Kaffee, sondern etwas, das uns an der Stelle im Leben trifft, an der wir stehen. Dann ist diese Begegnung etwas, das uns verwandelt, etwas, das wirklich das Menschliche in uns hervorbringt, nämlich das Ebenbild Gottes: die sich selbst verströmende Kraft.
 
 


Ohne das Erwachen des Erlösers ist der Glaube sinnlos
(zu 1 Kor 15, 12 - 19. 21 - 24. 29f. 32b. 50 - 57)

 

Im Zentrum der »frohen Botschaft« steht daher das Erwachen des wahren Menschenkinds in uns. Es ist unser innerster Kern und der Erlöser. Und ein Glaube, der nicht zu seinem Erwachen führt, ist sinnlos.
Paulus schreibt im ersten Korintherbrief (1 Kor 15):

"Wenn aber der Erlöser (der »Christus«) verkündet wird,
daß er aus Abgestorbenen erweckt worden ist,
wie sagen einige bei euch,
daß es ein Aufstehen Abgestorbener nicht gibt?

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13 Denn wenn es ein Aufstehen Abgestorbener nicht gibt,
ist auch der Erlöser nicht erweckt worden;
14 wenn aber der Erlöser nicht erweckt worden ist,
so ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube;
15 überführt werden wir aber auch als falsche Zeugen des Gottes,
weil wir gegen den Gott aussagten, daß er den Erlöser erweckte,
den er nicht erweckte,
da doch Abgestorbene nicht erweckt werden.
16 Denn wenn Abgestorbene nicht erweckt werden,
ist auch der Erlöser nicht erweckt worden;
17 wenn aber der Erlöser nicht erweckt worden ist, ist euer Glaube nichtig,
und ihr seid noch in euren Sünden;
18 genauso wären auch die verloren, die im Glauben an den Erlöser entschlafen sind.
19 Wenn wir allein in diesem Leben auf den Erlöser gehofft haben,
sind wir bemitleidenswerter als alle Menschen ...
29 Denn was werden sonst die tun,
die sich für die Toten taufen lassen?
Wenn Abgestorbene gar nicht erweckt werden,
was lassen sie sich noch taufen für sie?
30 Und wozu sind wir dann in Gefahr jede Stunde? ...
32 Wenn Abgestorbene nicht erweckt werden,
wollen wir essen und trinken, denn morgen sterben wir. (Jes 22,13)

Warum haben Abraham, Isaak und Jakob, Mose, Gideon, Samuel und David nicht einfach nur gegessen und getrunken? Sie sind die Patriarchen geworden, ohne daß von ihnen Gespräche über die Wiederbelebung von Leichen überliefert worden wären. Ihr Lebensgrund war nicht die Hoffnung auf ein Leben nach dem (physischen) Tod. Es war das ewige Leben. Und da lebten sie bereits. Sie sind schon zu Lebzeiten herausgerufen worden aus den Abgestorbenen und wiedergeboren worden aus dem Geist. Deshalb sind sie die biblischen Patriarchen.

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Der Apostel Paulus wußte das natürlich. Es ist für ihn selbstverständlich.
Was meint er also damit, daß der Erlöser (der »Christus«) erweckt wurde und daß Abgestorbene aufstehen? Er meint, daß er den, der ihn zur Erlösung geführt hat (Jesus), als lebendig erlebt hat und daß in denen, die dem Wesen nach abgestorben sind, weil sie den Kontakt zu Gott verloren haben, das Leben wieder geweckt werden kann - selbst wenn sie physisch bereits gestorben sind.
Und wenn jemand behauptet, so eine Erweckung gebe es nicht, dann macht er die Verkündigung der Apostel zu einer Lügenbotschaft und sein eigener Glaube ist leer und nichtig und er ist noch in seinen Sünden, d.h. er ist selber noch tot. (14)
Und natürlich sind dann auch die verloren, die im Glauben an den Erlöser entschlafen (verstorben) sind, denn dann hätten sie ja nur äußerlich (für »dieses« Leben) auf den Erlöser gehofft. (18f.)
Wenn jemand aber nur äußerlich auf den Erlöser hofft, wenn er also weiterhin der Welt seines »Ich« verhaftet bleibt, dann ist er wirklich ein bemitleidenswerter Mensch, denn dann muß er sich einer fremden (der christlichen) Disziplin unterwerfen, ohne je die Gnade des Heiligen Geists zu erfahren. Dann lebt er wegen seiner Fehler ständig in Höllenangst und er wird daraus nicht befreit. Und so geht es in der Tat manchen, die sich einem christlichen »Glauben« anschließen. (19)
Der Brauch, sich für Tote taufen zu lassen, den Paulus erwähnt, erscheint uns heute sehr seltsam, für Paulus aber war er sinnvoll als eine Möglichkeit, verstorbene Angehörige an der Erlösung teilhaben zu lassen. (29)
Erinnern wir uns an die Menschen, die klinisch tot waren. Sie haben erfahren, daß die Umkehr noch im Prozeß des Sterbens möglich ist. Da ist die letzte Chance zur Wiedergeburt aus dem Geist. Die »in Christus Entschlafenen« werden diese Chance im Sterben wahrnehmen, sofern sie sie nicht schon zu Lebzeiten wahrgenommen haben, denn sie haben sich nach dem Einssein mit dem Geist gesehnt und im Vertrauen auf die Möglichkeit dieses

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Erwachens nach den Weisungen Jesu gelebt. Sie werden also noch im Sterben bewußt eintreten ins ewige Leben, das in zeitlichen Maßstäben nicht zu messen ist. Die Berichte derer, die ihrem Tod sehr nahe waren, bezeugen auch den Einfluß der Angehörigen in dieser Phase. Und wie gute Wünsche auch lebenden (dem Geist nach aber abgestorbenen) Menschen bei der Umkehr helfen, können sie den Prozeß der Selbsterkenntnis auch im Sterben fördern. Und das sogar noch, wenn es erst nach dem physischen Tod geschieht, weil der Augenblick der Selbsterkenntnis ja der Zeit enthoben ist — wie der Seher der Geheimen Offenbarung sagt »... daß Zeit nicht mehr sein wird ... in den Tagen der Stimme des siebten Engels« (Offb 10, 6f).
Die bereits endgültig wiedergeboren sind aus dem Geist, wie der Apostel Paulus und andere Christen, können sich täglich Lebensgefahren aussetzen, denn sie entscheiden nicht mehr selbst, was »gut« ist und was »schlecht«. Sie haben ihr Schicksal »in Gottes Hand« zurückgelegt. Sie vertrauen darauf, daß alles, was geschieht, von Gott gesandt und richtig ist und daß ihnen der Geist die richtige Antwort zur rechten Zeit geben wird. Und sollten sie so (in Übereinstimmung mit dem Geist) in den Tod gehen, sterben sie nicht, denn ihr Ego ist schon gestorben. Der Tod ist bereits besiegt (1 Kor 15, 54f). Was dann stirbt, ist nur noch eine leere Hülle. Sie aber sind längst im ewigen Leben. Sie sind schon zu Lebzeiten hinübergewechselt in die zeitlose Ebene der Existenz, auf der sich Jesus auf dein Berg Tabor gezeigt hat mit Mose und Elia. Physisch am Leben oder tot, sind sie nicht mehr für sich selbst da, sondern nur noch als Boten Gottes, als Engel (Mt 12, 25). Und dadurch sind sie lebendig, selbst wenn sie dem Körper nach gestorben sind. (30)
Der Tod. der durch die Sünde Adams gekommen ist, war nicht der physische, sondern der geistige Tod, das Abgeschnittensein von der lebendigen Beziehung zum Geist. Deshalb sagt der Apostel Paulus (1 Kor 15):

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21 Denn wie durch einen Menschen Tod kam,
so auch durch einen Menschen das Erwachen Toter.
22 Denn wie in Adam alle sterben,
so werden auch im Erlöser (in »Christus«)
alle lebendig gemacht werden.
23 Jeder aber in der eigenen Ordnung:
Als Erstling der Erlöser,
danach die, die dem Erlöser gehören bei seiner Ankunft,
24 dann das Ende,
wann er übergibt die Herrschaft dem Gott und Vater,
wann er vernichtet hat jede Hoheit und jede Macht und Kraft.

Weil Adam glaubte, er könne sich durch die Unterscheidung von »gut« und »schlecht« »das Gute« im Leben herauspicken und »das Schlechte« vermeiden, durchtrennte er die unmittelbare Verbindung zum lebendigen Geist. Und dadurch starb das eigentlich Lebendige in ihm. Jesus dagegen nahm freiwillig Leiden und Tod auf sich; er akzeptierte auch »das Schlechte« und dadurch brachte er wieder das ganze Leben zum Erwachen - auch in anderen, in denen es abgestorben war. (21 f.)

Zu jeder Zeit werden Menschen direkt vom Geist wiederbelebt, und sie werden zu Erlösern für andere (Jes 11.1). Und wenn die Kette abgerissen war, in der der Weg zurück ins Paradies überliefert wird, entsteht dann eine neue Traditionslinie. Und in ihr wird zuerst der Erlöser selbst lebendig gemacht, und dann die, die von ihm lernen, und sobald die Mächte des »Ich« ihren Einfluß verloren haben, ist die Herrschaft wieder Gott übertragen. (23f.)
Für Paulus war Jesus dieser Erlöser, der zweite Adam, der den Sündenfall des ersten rückgängig macht. Er sagt aber nicht »Jesus« war der zweite Adam, sondern »der Erlöser« (»Christus«) ist es. Ob sich Paulus dessen bewußt war oder nicht, er läßt offen, ob es an anderen Orten oder zu anderen Zeiten nicht auch ein anderer sein kann. Auch daß er mit einem Federstrich die ganze Tradition des auserwählten Volkes wegwischt, deutet darauf

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hin. Paulus will sicher nicht behaupten, daß nicht auch durch Abraham, Isaak, Jakob, Josef Mose, David und die anderen Propheten, die Verbindung zum Geist wiederhergestellt worden wäre. Aber es braucht für ihn nur einen, der den Kontakt wiederherstellt, und für ihn ist das Jesus. Und obwohl die engsten Vertrauten Jesu den auferstandenen Mose und den auferstandenen Elia in der gleichen Weise lebend »gesehen« haben, wie auch Jesus nach seinem Tod »gesehen« wurde, ist Jesus für Paulus jetzt der Erste der Auferstandenen. Damit aber kann für einen anderen an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit auch ein anderer der Erste sein, denn »im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen« (Joh 14, 2).

Und auch das Folgende gilt für alle Menschen aller Kulturen (1 Kor 15):

50 Dies aber sage ich, Brüder,
daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben kann,
genausowenig wie die Vergänglichkeit die Unvergänglichkeit erbt.
51 Sieh, ein Geheimnis sage ich euch:
Nicht alle werden wir entschlafen,
aber wir werden alle verwandelt werden,
52 im Ganzen, in einem Augenblick, bei der letzten Trompete;
denn sie wird trompeten,
und die Toten werden erweckt werden als Unvergängliche
und wir werden verwandelt werden.
53 Denn es muß dieses Vergängliche eintauchen ins Unvergängliche
und dieses Sterbliche muß eintauchen in Unsterblichkeit.
54 Wenn aber dieses Vergängliche eingetaucht ist ins Unvergängliche
und dieses Sterbliche eingetaucht ist in Unsterblichkeit,
dann wird das Wort erfüllt, das geschrieben ist:
Verschlungen wurde der Tod in den Sieg.
55 Wo, Tod, ist dein Sieg? Wo, Tod, ist dein Stachel?

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56 Der Stachel des Todes ist die Sünde;
die Macht der Sünde aber das Gesetz;
57 Gott aber sei Dank, dem der uns den Sieg gibt
durch unseren Herrn Jesus Christus.

Die letzte Trompete ist der Ruf des Gerichts. Wenn sie ertönt, ist unser jüngster Tag angebrochen. Der Erlöser ist gekommen. Das Ende der Zeit ist da. Und da stürzen die Mauern unserer Vorstellungswelt ein, wie ehedem die Mauern von Jericho. Und in diesem Augenblick werden wir verwandelt, sei es zu Lebzeiten oder im Sterben.
Anders ausgedrückt: Der Erlöser kommt für jeden von uns, wenn wir reif dafür sind. Dann fallen die Mauern und wir verlassen den Bereich des Begrenzten, für den der Baum der Erkenntnis steht, und wir kehren zurück in die Einheit, ins Paradies, zum Baum des Lebens.
Die Mauern unseres Vorstellungsgebäudes hatten wir errichtet, weil wir das Leben nicht so annehmen wollten, wie es war. Mithilfe der Daten aus unseren vergangenen Erfahrungen wollten wir uns ein besseres Leben bauen. Doch der Versuch schlug fehl. Wir schnitten uns selbst ab von unserer Lebenskraft, die ja aus dem Ganzen kommt. Doch das Gericht führt uns zurück in die Einheit. Und da sind wir wieder unmittelbar mit allem verbunden. Und aus diesem Verbundensein erfahren wir in jedem Augenblick ganz genau, was das Richtige für uns ist. Die Japaner würden sagen, wir spüren das »Ki« und dem Ki können wir unbedingt vertrauen. Deshalb brauchen wir uns von da an keine Sorgen mehr machen über die Folgen unseres Tuns. Und wir brauchen uns auch nicht mehr zurückhalten, sondern wir können uns ganz hingeben, wie das göttliche Prinzip selbst es tut.
Nachdem wir unsere Vorstellungswelt abgelegt haben, erfahren wir das Ganze des Lebens in der zeitlosen Gegenwart. Und da ist das Vergängliche eingetaucht in die Unvergänglichkeit und der Tod hat keine Macht mehr.

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Aber Fleisch und Blut können hier nicht eintreten, denn die stehen für das Vergängliche, für die Welt des sich Sorgens um »gut« und »schlecht«, für die Welt des Ausgrenzens. Diese Welt schließt sich selber aus. Nur der ganze Mensch erbt und erlebt das Paradies - eben nicht nach einem separaten Willen, sondern nach dem Willen des Ganzen, nach dem Willen des Vaters.
Diesen Weg ist Jesus gegangen. Indem er sogar den Tod nicht ausgrenzte, hat er den Tod besiegt und wurde »erweckt als Erstling der Entschlafenen« (1 Kor 15,20). Und auch uns vermittelt er seinen Sieg über den Tod, weil wir in seiner Nachfolge den Willen des Ganzen (die Wahrheit) wahrnehmen lernen. Nur daß wir den Willen des Ganzen nicht annehmen (die Sünde), gibt dem Tod Macht.
Und dazu wieder verführt auch das Gesetz. Das weiß Paulus aus eigener Erfahrung, und auch wir haben es so erfahren. Das Gesetz ist die letzte Barriere, denn es gehört noch dein Bereich des Ausgrenzens und damit dem Vergänglichen an, das in Jesus überwunden ist.

Weil das Loslassen des Vergänglichen aber so schwer ist, weil wir dabei ja alles loslassen müssen, mit dem wir uns identifizieren, wurde es üblich, »die letzte Trompete« als ein einmaliges kosmisches Ereignis zu sehen, das die Zerstörung des Planeten Erde oder der Menschheit als solche ankündigt. Auf diese Weise rückte der Jüngste Tag in unendliche Fernen. Anstatt aufzuwachen zur Ganzheit des Lebens, konnten sich die »Gläubigen« nun damit begnügen, die Welt ihrer Urteile mit dogmatischen Glaubensvorstellungen auszustatten - nur um diese dann mit umso größerem Starrsinn sich selbst und anderen aufzuzwingen. Für sie hat Paulus umsonst gesprochen, denn unter diesen Umständen kann dieses Trompeten bis heute noch niemand gehört haben. Und dann ist auch noch keiner verwandelt worden, und es kann auch keiner verwandelt werden, und alle müssen warten auf das Leben

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»nach« dem Tod, um zu erfahren, was es mit der Erlösung auf sich hat.
Als Stütze dieser neuen Sicht mußte auch ein Abschnitt des Hebräerbriefes herhalten. Es ist die Darstellung des Todes Jesu als »Opfer«, die schließlich zur Rechtfertigung einer Art kirchlicher Erlösungsbuchhaltung benützt worden ist. Nach den folgenden Meditationen und Übungen werde ich darauf noch weiter eingehen.
 
 



Meditationen und Übungen

 

Meditation zum 1. Korintherbrief 15

Viele Texte des Apostels Paulus können dich im Prozeß deiner Transformation unterstützen, wenn du sie in der rechten Weise benützt. Besonders wirksam aber ist der eben zitierte und kommentierte Abschnitt (1 Kor 15, 50- 57). Falls nötig, geh jetzt den Text noch einmal durch, bevor du die Meditation beginnst.

Dann setz dich gerade hin und laß dich innerlich zur Ruhe kommen, indem du einfach nur auf deinen Atem achtest.

Wenn du ruhig geworden bist, beginne damit, daß du dich hineinversetzt in das, was Paulus beschreibt: in den Augenblick deiner Transformation.
Versuche den ganzen Verwandlungsprozeß jetzt zu erleben. Geh dazu abwechselnd hin und her zwischen dem Text und deinem Empfinden, in dem du dich dem Moment deiner Verwandlung allmählich näherst.
Text und Kommentar benütze dabei wie Wegweiser, die dich näher und näher heranführen. Laß dich besonders von den Gegensatzpaaren leiten, die Paulus beschreibt, denn sie kennzeichnen die Wirklichkeit, in der du stehst: Einerseits bist du Fleisch und Blut, andererseits im Reich Gottes, einerseits ist

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dein Leben vergänglich, andererseits reicht es ins Unvergängliche. Beide Zustände sind für dich erfahrbar. So erlaube dir jetzt, zwischen ihnen hin und her zu gehen; spüre die Spannung, die sich dabei aufbaut, die Sehnsucht, die hochkommt, und laß sie anwachsen.
Öffne dich dieser Sehnsucht und vielleicht wirst du dann, nach der langen Phase der Rätselhaftigkeit, plötzlich für einen winzigen Augenblick »von Angesicht zu Angesicht« sehen (1 Kor 13, 12). So flüchtig das Erlebnis auch sein mag, in diesem Moment weißt du dich eins mit dem Schöpfer des Alls.

Und in diesem Einssein kehre zurück zu deinem Atem und verweile.

Und dann geh einen Schritt weiter: Behalte dein Erlebnis der Einheit und nimm es mit in deinen Alltag. Die Anleitung, die Paulus dir im sechsten Kapitel seines Briefes an die Römer gibt, wird dich dabei unterstützen:
 

Meditation und Übung zum Römerbrief 6 (Röm 5, 20-6, 13):

5,20 Das Gesetz aber kam daneben herein,
damit sich die Übertretung mehre;
wo sich aber die Sünde mehrte, floß die Gnade über,
21 damit, wie die Sünde herrschte im Tod,
so dann die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit
zu ewigem Leben
durch Jesus Christus, unseren Herrn.
6,1 Was nun werden wir sagen?
Laßt uns bei der Sünde bleiben, damit sich die Gnade mehre?
2 Niemals!
Die wir der Sünde starben, wie sollen wir noch in ihr leben?
3 Oder wißt ihr nicht,
daß alle, die auf Christus Jesus getauft wurden,
daß wir auf seinen Tod getauft wurden?

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4 Begraben wurden wir also mit ihm durch die Taufe in den Tod,
damit, wie Christus durch die Erwartung des Vaters aus Toten erweckt wurde,
so auch wir in Neuheit des Lebens wandeln. ...
11 Beschließt also auch ihr, daß ihr zwar Tote seid für die Sünde,
Lebende aber für Gott in Christus Jesus.

Wie an vielen anderen Stellen der Bibel schwingen auch hier Zusammenhänge mit, die mit dem Text nichts zu tun haben. Gib dir daher zunächst wieder einen neuen Rahmen:

Setz dich gerade hin und achte auf deinen Atem, bis du ganz ruhig geworden bist und offen für das Ursprüngliche.

Nun erinnere dich, wie das religiöse Gesetz in deinem Leben gewirkt hat, als wie unerfüllbar du es erlebt hast und an den Zwang, den du gespürt hast, es zu übertreten; erinnere dich, wie es dir zum Ärgernis geworden ist und wie du es vielleicht sogar weggeworfen hast.
Von dem »mein Joch ist sanft und meine Bürde ist leicht« (Mt 1 1, 30) konntest du zu manchen Zeiten kaum etwas spüren, du sahst nur die Unbarmherzigkeit des Gesetzes und du entferntest dich davon. Oder du entferntest dich nicht und wurdest angesichts deiner Unfähigkeit, dem Gesetz gerecht zu werden, immer kleiner und ängstlicher. In beiden Fällen vergrößerte sich deine Entfernung von Gott, also die »Sünde«.
Und doch hat dich die Gnade eingeholt und dir das sanfte Joch gezeigt, das dich ins ewige Leben führt: Dieses sanfte Joch nennt Paulus »Gerechtigkeit«. Es beruht auf deiner Fähigkeit, zu spüren, was echt ist, und diesem Spüren zu folgen. Es ist dir bereits geschenkt. Du brauchst das Geschenk nur aufzugreifen: »Die Gnade herrscht durch Gerechtigkeit ins ewige Leben«. Um ins ewige Leben zu gelangen, brauchst du dir nichts Fremdes aufzubürden. Du brauchst nur zu tun, was für dich jetzt wahr ist, dann bist du schon im ewigen Leben. Das hat Jesus auch für dich

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entdeckt. Er hat sich seiner Wahrheit geöffnet und in ihr fand er sich verbunden mit dem Vater. Da war das äußerliche Gesetz nicht mehr notwendig.
Unser Gespür für die Wahrheit ist verstellt von Vor-Stellungen und Ideen. Sie aber können uns niemals vermitteln, was jetzt richtig ist, sondern nur, was einmal richtig war. Es fehlt die Unmittelbarkeit, das Lebendige. Wenn du den unmittelbaren Kontakt wiedergewinnen willst, mußt du deine Vorstellungen aufgeben. Und dieser Prozeß ist sehr schmerzhaft. Du meinst, du würdest sterben, wenn du sie losläßt. Aber was stirbt, ist nur deine Identifikation mit deinen Ideen. Jesus hat sogar sein Leben losgelassen, um uns das zu zeigen. Und du wirst es irgendwann auch loslassen. Zu glauben, es unbedingt bewahren zu müssen, ist nur eine Idee, das letzte Hindernis auf dem Weg zur Einheit mit dem Vater. Und du bist auf den Tod Jesu getauft, damit du lernst, selbst diese Vorstellung loszulassen.
Betrachte daher jetzt diese letzte Vorstellung, deine Identifikation mit deinem Leben. Und dann laß sie los! In diesem Moment erwacht etwas viel Ursprünglicheres in dir, nämlich das, was jetzt tatsächlich der Fall ist. Und das macht diesen und jeden weiteren Augenblick deines weiteren Lebens ganz neu und lebendig. So ist das, sagt Paulus, du kannst es dir selbst ausrechnen und du kannst dich dafür entscheiden. Das ist nämlich die Doppelbedeutung des griechischen Wortes »logizo« im Vers 11, das ich im Text mit »beschließt« wiedergegeben habe. Du hast die Rechnung bereits nachvollzogen und dich für das Lebendige entschieden, aber das Tote kann dich immer noch erreichen und du mußt dich immer neu für das Loslassen entscheiden und für das neue Leben als Auferstandener.

Kehre nun zurück zu deinem Atem und laß bei jedem Ausatmen das Tote los und mit jedem Einatmen erlaube dir mehr ein Auferstandener zu sein.

Wenn es dir von nun an in bestimmten Situationen dennoch schwer fällt, dich als den neuen Menschen zu sehen, der als

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Auferstandener handelt, dann kannst du das, was dich festhält, entweder in der Art der zweiten Übung zum Thema Pfingsten betrachten oder du läßt dich auf die folgende Übung ein:
 

Übung: Den neuen Menschen erscheinen lassen

Diese Übung habe ich von dem amerikanischen Kurzzeittherapeuten Steve de Shazer. Er sagt seinen Patienten, sie sollen sich vorstellen, während sie schlafen geschieht ein Wunder und ihr Problem ist gelöst. Da das Wunder während des Schlafes geschieht, wissen sie noch nichts davon, wenn sie aufwachen. Wie würden sie es überhaupt bemerken, wer sonst würde es bemerken, was wäre anders? Und in der zweiten Phase schlägt er ihnen vor, sie sollen sich zu gewissen Zeiten so verhalten, als ob das Wunder bereits geschehen wäre. Und auf diese Weise wird für seine Patienten das Wunder tatsächlich allmählich wahr.
Paulus schlägt nun den Römern vor, sie sollen sich als Auferstandene verhalten. Und er zeigt uns damit, daß die Evokation des Wunders nicht eben erst erfunden worden ist. Paulus erleichtert den Römern den Prozeß, indem er ihren Geist auf eine Reise schickt heraus aus den eingefahrenen Gewohnheiten in einen anderen Bereich. Im Geist läßt er sie den Prozeß wiederholen, durch den sie schon einmal das Wunder erfahren haben, neue Menschen geworden zu sein, nämlich bei ihrer Bekehrung. Und wie die Erinnerung an diesen anderen Zustand erwacht, verschiebt sich ihr Standort, und sie werden fähig, als Wiedergeborene zu handeln.
Auch die Patienten von Steve de Shazer manipulieren sich nicht einfach selbst, indem sie so tun, als ob das Wunder bereits geschehen wäre. Der Vorschlag, sich ein Wunder vorzustellen, hebt sie vielmehr auf jene Ebene, auf der das Problem tatsächlich gelöst ist. In jedem Menschen gibt es ja diesen Bereich Jenseits der Vor-Stellungen, jenseits der deformierenden Lebenserfahrung, den Bereich des Himmels, des ewigen Lebens, des Menschensohnes. Dieser Bereich ist zu jeder Zeit Teil un-

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serer Wirklichkeit. Aus ihm kommen alle echten Lösungen. Und auf ihn können wir immer zählen.
Wichtig bei dieser Übung ist aber auch, die bereits vorhandene Kraft zur Veränderung richtig einzuschätzen und sich nur so viel zuzumuten als auch ausgeführt werden kann. De Shazer fragt seine Patienten daher, wie groß ihre Einsatzbereitschaft ist. Frage dich das jetzt auch und stufe dich ein in eine Skala von 0 bis 10, indem du überlegst, ob du eher nur auf das Wunder wartest oder ob du bereit bist, alles zu tun. Und genau die Portion Kraft, die du auch einzusetzen bereit bist, setze ein. Falls du dich in der Skala bei drei eingestuft hast, tu nicht öfter als einmal pro Woche so, als ob das Wunder bereits geschehen wäre. Dann wirst dich nicht überfordern. Und dennoch wirst du einige Wochen später dem Wunder tatsächlich näher gekommen sein.

Wenn du nun etwas hast, zu dem du jetzt eine Lösung suchst, dann setz dich bequem und aufrecht hin und achte für eine Weile nur auf deinen Atem.

Wenn du ruhig geworden bist, erlaube dir, den Tag nach dem Wunder zu sehen, vom Aufwachen an. Was ist jetzt anders? Woran kannst du erkennen, daß wirklich ein Wunder geschehen ist? Wie werden es die anderen an dir bemerken? Nimm dir Zeit, dir dein neues Leben auszumalen, und dann steig ein.
 

Eine Variante dieser Übung:

Wenn du in einer bestimmten Situation das Gefühl hast, eingeschlossen zu sein in alte Verhaltensmuster und Begierden, dann stell dir vor: Durch ein Wunder bist du völlig frei. Wie verhältst du dich unter diesen neuen Umständen, was ist die angemessene Reaktion auf die gegenwärtige Situation?
Für einen Moment wirst du dich nun das Richtige tun sehen. Überlege kurz, was davon dir jetzt schon möglich ist, und tu es sofort. Wenn du zu lange überlegst, könnten dich deine alten Vorstellungen einholen. Dann mußt du von neuem beginnen.

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Nutze von nun an jede verfahrene Lage als Übung und laß den neuen Menschen immer wieder erscheinen. - Er ist ja schon da und er wartet brennend darauf, endlich aus der Sklaverei der Vorstellungen befreit zu werden.

Bitte verfalle bei den vielen Übungen, die dir hier angeboten werden, aber nicht in eine Selbsterlösungshektik. Sie ist eine nicht geringere Gefahr als das Gesetz oder die kirchliche Erlösungsbuchhaltung, von der nun gleich die Rede sein wird. Du kannst es nicht erzwingen. Und wenn du einen erlösten Zustand erlebt hast, kannst du ihn nicht festhalten. Allein der Wunsch, ihn festzuhalten, kennzeichnet schon wieder den unerlösten Zustand. Die Erlösten nehmen, was kommt, sei es angenehm oder unangenehm und sie wollen nicht irgendwoanders sein als dort, wo sie sind.
Ein alter Sufi-Meister hat einmal zu mir gesagt: »Wenn Allah dich in die Hölle schickt, sag >danke!<« In diesem Geist ist es möglich, auch im Unerlösten auszuharren, d.h. einerseits alles zu tun, was möglich ist und andererseits dem Prozeß der Verwandlung doch die Zeit einzuräumen, die er braucht. Du kannst nicht wissen wie viel Zeit du brauchst: »Keiner kennt jenen Tag oder die Stunde, auch nicht die Engel im Himmel, auch nicht der Sohn, nur der Vater« (Mk 13, 32).

Und nun zu der Sicht des Todes Jesu als »Opfer«, der diesen Verwandlungsprozeß ursprünglich unterstützen wollte, später aber auch zu einem Ersatz für ihn geworden ist.

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Zur Einführung in die Thematik (Vorbemerkung etc.)

Wie die Jünger Jesu die Auferstehung erlebten
Zum Thema Pfingsten
Zum Thema "Ende >dieser< Welt und Erscheinen des Menschensohnes"
Zu "Ist der Leichnam Jesu wieder lebendig geworden?"
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