Pfingsten - eine allgemeinmenschliche Erfahrung
 
 
 

Das Pfingsterlebnis der Mutter des Propheten Samuel

 

Im Alten Testament ist mehrfach die Rede von Situationen, in denen sich die Natur zur Wehr setzt, wo die Illusionen aufhören, weil der Schmerz zu groß ist, wo der Körper in spontanen Entladungen die Wahrheit ans Licht bringt und wo sich eine wirkliche Befreiung ereignet.
Größte Ähnlichkeit mit dem Pfingst-Erlebnis der Apostel hat die Geschichte der Hanna, der ersten Frau Elkanas, die von dessen zweiter Frau jahrelang verspottet wurde, weil »JAHWE ihren Mutterleib verschlossen hatte«. Sie war verzweifelt und ihre Verzweiflung mündete schließlich in einen scheinbar verrückten, spontanen Ausbruch. Und in ihm löste sich die Verschlossenheit der Hanna und sie wurde die Mutter des Propheten Samuel (1 Sam 1, 12-18):

12 Und es geschah, als sie lange vor JAHWE betete,
da achtete der Priester Eli auf ihren Mund.
13 Hanna aber redete zu ihrem Herzen.
Nur ihre Lippen bewegten sich; ihre Stimme war nicht zu hören.
14 Da meinte Eli, sie sei betrunken, und Eli sagte zu ihr:
Wie lange willst du dich wie eine Betrunkene aufführen?
Mach, daß du deinen Rausch los wirst!
15 Aber Hanna antwortete und sagte: Nein, mein Herr!
Ich bin eine betrübte Frau.
Wein und Rauschtrank habe ich nicht getrunken,
sondern ich habe mein Herz vor JAHWE ausgeschüttet. ...
17 Da antwortete Eli und sagte: Geh hin in Frieden!
Der Gott Israels wird dir deine Bitte erfüllen. ...
18 ... Und die Frau ging ihres Weges und aß,
und ihr Gesicht war nicht mehr wie sonst.

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Ihr Ausbruch zerstört ihre Scheuklappen, die sie bisher davon abgehalten haben, für ihre eigene Wahrheit einzutreten. Jetzt ist sie bereit, den Preis dafür zu zahlen. Jetzt kann sie sich selbst so nehmen, wie sie ist und die anderen wie sie sind. Und von da an ist alles gut.
 

Eine japanische Übung

Die Menschen, mit denen Derartiges geschieht, haben zuvor alles Erdenkliche versucht, aber vergeblich - denn der Urheber der Befreiung ist nicht »menschliche Anstrengung« oder Leistung, sondern die Natur, »der Geist«, »Gott«. Treffend nennt es der Zen-Patriarch Bankei »das Ungeborene«. Dieses »Ungeborene« lenkt alles im Paradies. Aber selbst die bestüberlegten Maßnahmen können niemand dorthin zurückführen; durch ihre Maßnahmen haben es die Menschen ja verloren. Zur Erlösung braucht es daher etwas, das die Maßstäbe des »Ich« ausschaltet. Dann erst kann der Geist wieder die Führung übernehmen und dann geht es von selbst. Darauf beruht die Wirkung aller Religionen. Alle Völker kennen daher die Ausschaltung (den »Tod«) des »Ich« und die reinigenden Entladungen, die darauf folgen.
In der japanischen Shinto-Tradition ist so eine rituelle Übung entstanden, die diesen spontanen Kehraus unmittelbar zum Ziel hat. Die Übung heißt einfach »spontane Bewegung«, jap. »Kat-sugen«; (eine genaue Anleitung findet sich im nächsten Abschnitt). Wer sich der Übung unterzieht, respektiert jede Regung seines Körpers und suspendiert gleichzeitig jedes (gedankliche) Hindernis. So entladen sich die Spannungen und zurück bleibt ein gelassener Mensch, der eins ist mit sich und der Welt.
Der Reinigungs-Ritus kehrt das gewohnte Verhalten um, das in die Verdammung geführt hat: Seit dem »Sündenfall« setzen die Menschen ja dem Drängen des Geists ein eigenes konzeptionelles Programm entgegen und dieser Widerspruch führt zu den körperlichen und seelischen Verspannungen, die die Arbeit

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des Organismus behindern. Wenn ein Mensch diesen Kurs beibehält, folgen Krankheiten. Wenn er die Verspannungen aber losläßt, kommen die darin gebundenen Kräfte in Bewegung, die Starre lockert sich und der zuvor blockierte Mensch kann sich wieder öffnen für die neue Wahrheit jetzt. Wenn die Wahrheit lange unterdrückt war, kann es im »Katsu-gen« zu drastisch wilden Bewegungen kommen: Die unterdrückte Natur drängt zur Erscheinung »wie wenn ein gewaltiger Wind dahinstürmt«.
 

Alte Trance-Riten und moderne Therapieformen

In den Tranceriten anderer Völker gibt es ganz ähnliche Erscheinungsbilder. Und in unserer Kultur finden wir moderne Therapieformen, wie Rebirthing, die auf den gleichen reinigenden Entladungen beruhen. Ähnlich wie Lawinen abgesprengt werden, bevor die Schneemassen zerstörerische Dimensionen annehmen, lösen diese Riten und Therapien die Spannungen, bevor die spontane Entladung des allzulang Unterdrückten eine Katastrophe auslöst, die den Menschen zerstört.
(Eine genaue Beschreibung von Übungen dieser Art findet sich im nächsten Abschnitt.)
 

Wodurch diese außerordentlichen Entladungen notwendig geworden sind - oder:
Wie die Menschen den Kontakt zum (Heiligen) Geist verloren haben

Außerordentliche Entladungen sind nötig, wenn sich zu viele Lasten angestaut haben. Im Paradies kommt das nicht vor, denn im Paradies bleibt alles im Fluß. Alles geschieht unwillkürlich, spontan, »von selbst«. Getrennt von der paradiesischen Spontaneität aber geht nichts von selbst. Da müssen die Menschen alles, was geschehen soll, »tun«. Und das macht ihr Leben hart und schwer. Und sie beginnen zu klagen und zu fragen, woher das kommt.

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Überall auf der Welt sind Menschen dieser Frage auf den Grund gegangen und überall haben sie als Antwort gefunden, daß die Menschen die natürliche Leichtigkeit selbst unterdrücken, indem sie dem »VON SELBST« (»JAHWE«) ihr Urteil über »gut« und »schlecht« (ihr »Ich«) entgegenstellen. So beschreibt es die biblische Geschichte vom Sündenfall und zum gleichen Ergebnis kommt der chinesische Weise Lao-tse (Tao Te King, Kap. 2):
Erst seit auf Erden ein jeder weiß von der Schönheit des Schönen, gibt es das Häßliche;
Erst seit ein jeder weiß von der Güte des Guten, gibt es das Ungute.
Wenn sich Menschen von Konzepten über »gut« und »schlecht« leiten lassen, erheben sie die Welt in ihrem Kopfüber das Ganze der Natur. Und indem sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Unterscheidungen richten, verlieren sie das unendlich feine Gespür für das Ganze und für die spontanen Impulse ihrer Natur - in der Sprache der Bibel: Sie wenden sich ab von »JAHWE«.
So erstaunlich das klingt: Indem Menschen nach »dem Guten« streben, verlieren sie das Paradies. Auch wenn sie tatsächlich viel Gutes erreichen und viel Übles vermeiden können, indem sie Konzepten folgen, so bringt dieses Handeln doch gewaltige unerwünschte Nebenwirkungen hervor - in den östlichen Religionen »Karma« genannt. Das konzipierende »Ich« aber, das den Reichtum seiner eigenen Natur verdeckt, kann sich nicht als Ursache seines Mißgeschicks erkennen. Es projiziert den Grund seines Problems nach außen: »Die anderen sind schuld.« Und so folgt nach dem Sündenfall gleich der nächste fatale Ausrutscher: Kain erschlägt seinen Bruder Abel.
Das »gut«-»schlecht«-unterscheidende, sich vom Ganzen separierende »Ich« ist »das Teuflische« - aber dieses »Teuflische« ist nicht einfach nur »schlecht«, es ist auch »gut«, denn Erkenntnis, Unterscheidung und Abgrenzung liegen auf dem Weg des Menschen. Und die »Austreibung des Teufels« macht den Vor-

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gang des »Sündenfalls« nicht rückgängig, sie vernichtet die Erkenntnis nicht, sondern sie treibt die Entwicklung des Bewußtseins voran bis das Ebenbild Gottes sein Urbild sieht »von Angesicht zu Angesicht« (l Kor 13, 12).
Zunächst aber kommt durch die Unterscheidung von »gut« und »schlecht« ein katastrophaler Aufschaukelungsprozeß in Gang. Es beginnt damit, daß wir die in dem Gedanken an »das Gute« enthaltene Vor-Stellung mit unserer momentanen Situation vergleichen. Und wenn wir in diesem Moment nicht etwas ebenso Angenehmes erfahren, fühlen wir uns frustriert — durch den Vergleich.
Und dann motiviert uns unsere Unterscheidung von »gut« und »schlecht«, die Frustration zu beseitigen. Wir schmieden einen Plan und wir folgen diesem Plan und wir ignorieren dabei erneut die spontanen Eingebungen unserer Natur — und so werden wir letztlich noch mehr frustriert.
Und trotzdem geben wir unsere Unterdrückung des Spontanen weiter an andere Menschen, besonders an die nächste Generation: Plakativ gesagt, Eltern, die »gut« und »schlecht« unterscheiden, können ihr Kind nicht als etwas Göttliches respektieren, wenn es ihnen zur Last fällt. Im Extremfall werden sie es nur noch als unerwünschtes Nebenprodukt ihrer Lust sehen, das sie daran hindert, ihr Leben zu genießen. In jedem Fall projizieren sie viele Frustrationen auf das Kind. Ohne das zu wollen, erzeugen sie in ihm Schmerz, Angst und Zweifel an seiner Lebensberechtigung. Sie verlangen von ihm, daß es nur seine »positiven« Seiten zeigt und daß es alle spontanen Impulse unterdrückt, die für sie unangenehm sind. Und so entsteht in dem Kind die gleiche, fast unüberwindliche Mauer aus »gut«-»schlecht«-Urteilen, die bereits die Welt der Eltern einengt und die ihnen das Leben manchmal zur Hölle macht.
Verschärft wird die Situation durch den erwähnten Aufschaukelungseffekt: Sobald sich ein Mensch nach den »gut«-»schlecht«-Urteilen seines »Ich« richtet, muß er ja der (seiner) Natur zuwiderhandeln, die ihm ein anderes Verhalten nahelegt.

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Die Natur (»Gott«) aber frustriert (»bestraft«) nicht-naturgemäßes (nicht-spontanes) Handeln. Der Schmerz der »Strafe« möchte den Handelnden zur Besinnung bringen. Aber in diesem Stadium führt er nur zu größerer Hartnäckigkeit. Das »Ich« »verbessert« seine Urteile und eskaliert den Kampf gegen die Natur — und manövriert sich allmählich in einen Teufelskreis, in dem es sich als ein von allen Seiten eingekreistes unschuldiges Opfer erlebt. Und so kann es schließlich glauben, in ein sinnloses Dasein geworfen zu sein und ein Recht zu haben auf Ärger, Trotz und Selbstmitleid - und oft auch auf offene Aggression. Ärger, Trotz, Selbstmitleid und die daraus resultierende Aggression aber veranlassen den Menschen (uns), zwanghaft Fehler auf Fehler zu häufen und sich immer tiefer zu verstricken in ein »double-bind« von Selbsthaß und Selbstmitleid. Es wird immer schwieriger für ihn, seine Kraft positiv einzusetzen, denn er muß sich dem Leben verweigern. Und so erfährt er immer mehr Schmerzen. Und wenn er die ganze Widersprüchlichkeit seiner Lage nicht endlich ausdrücken kann, braucht er noch mehr Selbstmitleid und Trotz. Die illusionäre Mauer der Konzepte wird immer undurchdringlicher und der betroffene Mensch steuert unausweichlich auf die Katastrophe zu.
 

Die »Austreibung« des »Teufels«

Die natürliche Konsequenz nach dieser Eskalation der Frustrationen wäre das Erscheinen des »Bösen« in (unserer) Person. Aber unsere Urteile über »gut« und »schlecht« erlauben das meistens nicht. Wir zügeln unseren Trotz an einem gewissen Punkt durch einen moralischen Vorbehalt. Wir glauben, wir könnten es uns nicht leisten, »den Teufel« rauszulassen. Wir haben Angst vor den Reaktionen der anderen. Wir erleiden lieber einen »Nervenzusammenbruch«, als daß wir die Bewegung, zu der unsere Verweigerung drängt, voll in Erscheinung treten lassen. Aber genau deshalb kann sich die Vergeblichkeit unseres Trotzes nicht zeigen. Und deshalb bleiben wir unerlöst - in unserer

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heutigen Sprache: »Neurotiker«. Und auch die »Psychotiker« können das Böse nur zeigen, indem sie ihr Bewußtsein von der Wirklichkeit abkoppeln. Und selbst Psychopathen und Verbrecher, die das Böse offen erscheinen lassen, entkommen dem Teufelskreis nicht, denn auch sie bleiben befangen in ihren eigenen Urteilen und Projektionen.
Ganz anders ist das in der Welt der Bibel und auch in den anderen Religionen, wo »das Böse« aus den »Besessenen« ausfahren darf. Da wird der spontane Selbstreinigungsprozeß nicht verhindert, sondern ausgelöst. Als Katalysator wirkt der »Meister«, »der« (archetypische) Mensch. Die Begegnung mit ihm (die keine physische zu sein braucht) weckt die urmenschliche Sehnsucht nach dem Heil-sein und mit ihr den vollen Impakt der unterschwellig längst vorhandenen Höllenqual, weil jetzt plötzlich bewußt wird, wie weit der sich selbst bemitleidende Trotzkopf ver-damm-t und vom Ziel dieser Sehnsucht entfernt ist. Das Bewußtwerden dieses Kontrasts ist mehr als jede »Ich«-Kontrolle zu tragen vermag. Die Schranke der Scham hält nicht mehr. Und so kommt es zu einem letzten Ausbruch, in dem sich die ganze gräßliche Bedrohung und Verführung spiegelt, von der die innere Spaltung stammt, und der Abgrund der Entfremdung vom eigenen Wesen (von JAHWE). Die Wahrheit kommt ans Licht und die Natur reinigt sich selbst spontan.
Jesus war so ein Katalysator. Das ungetrübte menschliche Wesen in ihm weckte die Sehnsucht nach echter Menschlichkeit in allen, die ihm begegneten. Einige verhärteten sich zwar daraufhin, bei den Meisten aber lösten sich ganze Lawinen von verklemmten spontanen Bewegungen.
Vor Jesus konnte und brauchte niemand seine Wahrheit verstecken. Er erlaubte allen, sich zu zeigen, wie sie waren. Und einige waren eben zum Platzen voll mit Selbstmitleid und mit Ärger über die Anforderungen und Frustrationen des Lebens. Sie waren »besessen«. Jesus verurteilte sie nicht. Er erlaubte ihnen, ihren »bösen Geist« zu zeigen, trotzig zu sein, sich zu verweigern. Er sagte nicht »das ist schlecht«. Und so kam nun

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all das heraus, indem »die Besessenen« in ohnmächtiger Wut vor dem Mund schäumend vor Jesus auf den Boden geworfen wurden.
Und damit kam ihr Verhalten an seinen natürlichen Umkehrpunkt. Im unbehinderten Ablauf der Bewegung selbst wurde den »Besessenen« total klar, daß der Weg des Trotzes zu nichts führen konnte als zu immer ohnmächtigerem Aufruhr. Sie verloren daher das Interesse, diesen Weg je wieder einzuschlagen und sie wurden fähig, von nun an ihr Schicksal anzunehmen und ihre Kraft einzusetzen selbst auf die Gefahr hin, daß es manchmal vergeblich sein würde.
 

Die »normale« Besessenheit - und jenseits der Barriere

Genau das, was manche Menschen zu »Besessenen« macht, trennt auch uns »Normale« vom Paradies. Und das gleiche behinderte sogar die Apostel so sehr, daß es den Tod Jesu brauchte, bevor sie den »heiligen« Geist erfahren konnten: Es ist die konzeptionelle Welt des »Ich«. Es sind die gedanklichen Mauern und ihre Begleiter, Illusionen (»Begierden«, »fremde Götter«), Frustrationen, (zumeist gehemmte) Aggressionen, Selbstmitleid, Trotz.
Die Apostel waren (wie wir) ungeheuer hartnäckige Fälle -nicht umsonst hat Jesus ihrem Anführer den Spitznamen »Fels« gegeben. Aber Jesus war entschlossen, ihre gedanklichen Zwänge zu lösen. Deshalb hat er diesen wahnsinnigen Tod als Verbrecher am Kreuz akzeptiert, zu dem »der Geist« ihn gedrängt hat.
Die Natur, sozusagen, hat damit in ihm ein Beispiel gesetzt, das seither jedem Menschen die Chance gibt, die Barriere seines Trotzes und Selbstmitleids zu überwinden. Und jenseits dieser Barriere liegt das Paradies. Da gibt es keine Bedenken. Da ist der Geist unmittelbar spürbar. Da ist das Leben immer ein Wunder. Jesus war längst jenseits dieser Barriere. Die Konzepte vom Baum der Erkenntnis rührten ihn nicht. Sie zeigten ihm nur

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mühelos die Motive der Menschen, die zwischen »gut« und »schlecht« wählen. Er selbst ließ sich direkt und ausschließlich vom »Atem der Schöpfung« bewegen, total spontan. Alles, was er tat, stammte unmittelbar vom »Geist«. Er hatte daher nicht die Freiheit zu wählen. Er mußte der Welt jenen grausamen Spiegel vorhalten. Er mußte uns allen zeigen, welche Tragödie durch das Essen vom Baum der Erkenntnis entsteht und daß die Heilung nur aus dem Vertrauen auf den Geist kommt - ja daß das Leben aus dem Geist sogar dann noch besser ist, wenn es in den Tod führt.
 

Die Reinigung durch das Gericht

Die Menschen außerhalb des Paradieses schrecken vor dem Leben aus dem Geist zurück; es erscheint ihnen allzu riskant. Sie hoffen, daß sie sich durch ihr Wissen um »gut« und »schlecht« das Unangenehme vom Hals halten können. Deshalb vertrauen sie ihren Berechnungen und nicht darauf, daß der Geist sie führt. Aber gerade dadurch werden sie Opfer ihrer eigenen Wertungen: Sie können ihr ehrliches menschliches Empfinden nicht mehr zum Ausdruck bringen. Ihr Wesen kann sich nicht entfalten. Was immer sie erreichen mögen, sie bleiben ständig grundlegend frustriert. Für jeden spontanen Wunsch, den ihre Konzepte verbieten, müssen sie ganz unbewußt und unauffällig ein Hindernis (Hemmung, Fehlleistung, Krankheit, Unfall etc.) installieren, das es ihnen unmöglich macht, sich den Wunsch zu erfüllen. Und schließlich wird sie so ein Mißgeschick sogar umbringen, damit die Konzepte recht behalten - wenn der Schock des Unglücks nicht doch noch die Festung dieser Konzepte (ihr »Ich«) sprengt und sie zur Besinnung bringt. Denn natürlich verschwinden die zurückgehaltenen spontanen Bewegungen nicht einfach, sondern sie erzeugen eben jene inneren und äußeren Spannungen, die den Energiehaushalt des Körpers (und der Natur) aus der Balance bringen und Krankheiten einladen.

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So ziehen sich die Menschen, die den Geist nicht zu zeigen wagen, spontan das »Gericht« zu, in dem sichtbar wird, daß sich alles in der Welt nur nach den Gesetzen des Geists richtet und daß wir nicht die Wahl haben, uns ihm zu entziehen.

Dieses Gericht ist das immer gegenwärtige »jüngste« Gericht. In ihm spiegelt sich die gesamte Situation, in der sich ein Mensch befindet und es macht schließlich die totale Vergeblichkeit des Wählens zwischen »gut« und »schlecht« bewußt. Wegen seiner Präzision erscheint es wie das »übernatürliche« Eingreifen eines allwissenden, jenseitigen Gottes, aber es ist etwas ganz Natürliches: Es ist die natürliche Reaktion des Organismus (oder der Natur) auf die bisherigen Einseitigkeiten. Es bringt daher genau die Dinge zum Vorschein, die den »gut«-»schlecht«- Unterscheidungen zuliebe bisher verdrängt worden sind. Und so löst es genau die Erschütterung aus, die nötig ist, um den Panzer des »Ich« zu sprengen.
Und da zeigt sich dann, überraschenderweise, daß wir uns umsonst Sorgen gemacht haben, weil wir immer schon begleitet waren von einem »Beistand«, der uns niemals in die Irre führt, und — daß wir seine Hilfe nur wegen unserer Vor-Urteile nicht annehmen konnten.
Jesus hat diesen »Beistand« angekündigt. Er konnte ihn seinen Schülern aber nicht verleihen, denn der »Paraklet« kann erst kommen, wenn alle anderen Stützen wegfallen. Erst wenn es keine Hilfe von außen mehr gibt und wenn alle Konzepte verstummt sind, erst dann, im vollständigen Dunkel, erscheint die Wahrheit aus der Unmittelbarkeit des Augenblicks. Im Dunkel ist »er« immer da, der ewige Beistand, der »heilige Geist«. Außer diesem »Geist« gibt es keine gültige Führung - auch nicht durch die Bibel, durch einen Meister, durch Jesus. Das betont Paulus in Zusammenhang mit dem Gesetz, z.B. Rom 3, 20, und die Buddhisten betonen es in ganz besonderer Weise, indem sie sogar sagen:
»Triffst du Buddha unterwegs, töte ihn!«

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Genau aus diesem Grund brauchten die Apostel den Tod Jesu. Erst da, als alle Maßstäbe versagten, konnten sie ge-richtet werden.
Jesus wußte das und, so gut es ging, hat er seine Schüler auf diese Entwicklung vorbereitet (Joh 16, 7f):

Ich sage euch die Wahrheit: Es nützt euch, daß ich weggehe.
Denn wenn ich nicht weggehe, wird der ersehnte Beistand nicht zu euch kommen;
wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch schicken.

Und indem er kommt, wird er die Welt in euch überführen über Sünde und über Gerechtigkeit und über Gericht;
Der brutale Tod ihres Meisters hat die Apostel so schockiert, daß alle Konzepte erlahmten. Nun waren alle Rücksichtnahmen sinnlos. Angesichts dieser Realität versagte die Idee, das Übel venneiden zu können (die Ursünde). Und das war das »Gericht« für die Apostel. Es löste ihre Halsstarrigkeit. Und von da an wurden sie vom »Geist« geführt. Die ursprüngliche, natürlich-spontane Bewegung setzte sich durch. Alles, was jetzt noch zählte, war die Wahrheit. Schon als sie noch mit Jesus zusammen waren, hatten sie sich nach diesem Beistand gesehnt. Aber zu der Zeit waren sie noch nicht ge-richtet. Jetzt erst war die Hilfe möglich. Und schon war sie da. Seit Pfingsten spürtert sie sie. Alle ihre Sorgen waren verflogen und sie wußten mit jeder Faser ihres Seins: Was sie jetzt bewegte, war der Atem des Lebens selbst!
 

Jenseits des Gesetzes

Zuvor hatten sie nervös nach einem Ausweg gesucht - aber innerhalb ihrer auf die Unterscheidung von »gut« und »schlecht« , aufgebauten »Ich«-Welt. Und da hatten sie keine Lösung gefunden. In dieser Welt gab es zwar das religiöse Gesetz, aber das war nicht »der« Beistand. Vielmehr kam mit ihm wie ein Zwang

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die Gesetzesverletzung (Rom 3, 19; 7, 5. 15 etc.). Das Gesetz war zwar eine große Hilfe, aber es blieb etwas Äußerliches, etwas Übergestülptes; etwas mußte mit ihm immer unberücksichtigt bleiben. Darin besteht ja das ewige Problem der Priester und Schriftgelehrten!
Um auf den lebendigen Beistand zu stoßen, mußten die Apostel zu dem gelangen, was hinter der Oberfläche der Dinge lag. Ihre Welt (»diese« Welt) beruhte auf dem Definierten; dem mußte die Grundlage entzogen werden. Und genau das geschah, als ihr Meister starb. Da ist für sie kein Stein auf dem ändern geblieben. Und als die Erschütterung vorüber war, war ihre Welt eine andere. Es war zwar immer noch alles da wie vorher, aber jetzt war alles genau so, wie es sein sollte:
Was sie für die »Krankheit« gehalten hatten, ihre Hilflosigkeit, war die Kur! Ihr Nicht-Wissen zwang sie, ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Bereich zu richten. Und da sahen sie den Geist des Ganzen. Erst als sie nicht mehr ein noch aus wußten, konnte der wirkliche Tröster kommen und sie richten. Und das hat die Tage ihres Leidens (ihre Ver-dammung) abgekürzt (Mt 24, 22).
Der wirkliche Tröster ist die Wahrheit jetzt. Zuvor war sie verborgen gewesen unter den Definitionen. Das »Gesetz« war der Versuch gewesen, etwas von der unschuldigen Kraft ihres Beistands in die Welt der »Erkenntnis« zu bringen. Aber jetzt war das Gesetz nicht mehr nötig, denn jetzt konnten sie selbst alles direkt und unvoreingenommen wahr-nehmen.
Ihre Vor-Stellungs-Fesseln hatten sie daran gehindert, das Leben (und Jesus) zu verstehen. Nun zwang sie Jesu letzte Tat, diese Fesseln abzuschütteln. Und da sind sie geworden »wie die Kinder« (Mt 18, 3) und sie durften eintreten in das Reich Gottes. Was die Apostel von Ostern bis Pfingsten erlebten, war das Zerreißen der Fesseln ihrer Wahrnehmung. Es war ein schmerzlicher Geburtsprozeß. Durch den Verlust ihres Meisters wurden sie herausgezwängt aus dem Schoß ihrer Weltanschauung, befreit von Urteilen und Meinungen und hineingeboren

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in die Freiheit derer, die aus der Wahrheit leben, aus dem unmittelbaren Kontakt, aus der Einheit mit allem, aus dem belebenden »heiligen« Geist.
In jedem Menschen gibt es den Drang zu dieser Wiedergeburt. Er äußert sich in der spontanen inneren Sehnsucht nach Wahrheit und nach Einheit. Auch die hektische, »ich«-bestimmte Suche nach dem »Guten« und die Angst vor dem »Schlechten« sind ein Ausdruck dieser Sehnsucht. Allerdings sind wir da noch gebunden von den Fesseln unserer Wahrnehmung. Aber wenn die Vergeblichkeit unseres Wählens uns ans Ende dieser Welt führt, öffnet sich der Geburtskanal ins All-Eine und zur Spontaneität.
Und wo die Menschen nicht mehr unterscheiden und wählen, gibt es auch die Dämme nicht mehr, die sie voneinander trennen.
Und siehe da: Was die Apostel nur lallen konnten, wurde von allen verstanden! Die babylonische Sprachenverwirrung war zu Ende. Die Apostel hatten keinen Grund mehr, den Himmel durch Techniken bezwingen zu wollen. Sie lebten nicht mehr in der Welt, in der die Sprachenverwirrung entstanden war. Sie wollten nichts mehr kontrollieren, nicht mehr vernünftig sein, nicht mehr anderen gefallen - sie wollten nur noch dem Geist folgen, »eins sein mit dem Vater« und darin die »Freiheit der Kinder Gottes« genießen - auch wenn die Leute meinten, sie wären besoffen.
 

Hingabe

Möglich geworden ist diese Freiheit erst dadurch, daß Jesus freiwillig das auf sich genommen hat, wovor jeder Mensch die allergrößte Angst hat: den Tod.
Der Geist, der ihn dabei geführt hat, war nicht der Geist eines »Himmelfahrtskommandos« und Jesus war auch nicht von dem Wahn besessen, die Menschheit retten zu müssen. Er war erfüllt vom Geist totaler Hingabe: »Wenn ihr glaubt, daß euch dann wohler ist, dann tötet mich!«

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So eine Hingabe berührt den jenseitigen Wesenskern der Menschen. Sie weckt den »Menschensohn« (»den HERRN«) in ihnen. Aber die Menschen, die von »dieser« Welt beherrscht sind, fühlen sich von ihm bedroht. Sie töten den »Menschensohn«, um ihr »Ich« zu retten.
Der »Menschensohn« will das nicht vermeiden. Er sucht sich seinen Weg nicht aus.
Er wird allein von der Wahrheit geführt. Auch Jesus wollte es nicht vermeiden. Er verfolgte keine eigene Absicht.
Aber gerade daß er nichts »tat«, löste eine Erschütterung aus, die fortwirkt »von Äon zu Äon«.
Zu Pfingsten hat das Nicht-Tun Jesu die »Ich«-Welt der Apostel aufgelöst und den »Menschensohn« (das echt Menschliche) in ihnen zum Erscheinen gebracht. Und seither hat sich dieser Prozeß in Unzähligen wiederholt.
 

Pfingsten?

Wenn die Menschen unseres Kulturkreises von den Pfingstereignissen hören, können sie allerdings kaum noch verstehen, was da geschehen ist. Und das liegt nicht nur an den modernen Zeiten. Die Wiedergeburt aus dem Geist ist etwas Verrücktes und sie ist kaum zu verstehen, bis jemand diese existentielle Krise (das Gericht) und ihre Erschütterungen selbst kennengelernt hat, weil bis dahin die Konzepte der Vernunft das Leben unangefochten dirigieren.
Weil das Denken seit dem Genuß vom Baum der Erkenntnis die beherrschende Stellung einnimmt, ist es möglich, die Impulse jenes anderen »Organs«, aus dem die spontane Bewegung kommt, fast ganz zu verdrängen. Dieses andere »Organ« aber empfängt unsere existentielle Wahrheit »durch den Geist«: Es sieht unsere Ganzheit im Ganzen der Welt.
In dieser Ganzheit aber gibt es nichts Separates, da gibt es nur die eine Bewegung des einen »Geists«. Sein Pulsieren, sein hei-

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liger »Atem«, erfüllt die ganze Schöpfung und lenkt sie seit je her so, daß sich alles in so wunderbarer Weise entwickelt hat. Keines von den Wesen, die schon Milliarden Jahre lang vor den Menschen auf der Erde lebten, mußte sich irgendwelche Gedanken oder Sorgen machen. Alles hat sich ganz von selbst entwickelt durch diesen heiligen Atem, aus dem heraus alles lebt. Erst die Menschen meinen - seit dem Sündenfall — sie müßten alles selbst steuern und sie mühen sich ab — aber sie erreichen damit nie die Qualität der natürlichen Steuerung durch den Geist. Weil sie den Baum des Lebens und das Paradies vergessen haben, bleiben sie dazu verdammt, unter Mühen das nachzuahmen, was eigentlich von selber geht - bis sie durch die Erschütterungen des Gerichts selbst wiedergeboren werden aus dem Geist.
 
 

Übungen zum Thema »Pfingsten«

 

Um wirklich nachzuvollziehen, was die Apostel zu Pfingsten erlebt haben, müssen wir den gleichen Prozeß durchlaufen, den sie damals durchlaufen haben. Wir sind aber in einer ganz anderen Lage und fragen uns daher, ob das für uns überhaupt möglich ist. Es wird möglich, wenn wir vollständig eintauchen in die Szene, die die Apostelgeschichte beschreibt. Wir können uns zwar nicht mit einem bestimmten der damaligen Teilnehmer identifizieren, weil wir zu wenig über sie wissen, aber wir können uns hineinbegeben als wir selbst. Denn auch in uns findet sich all das, was damals in den Aposteln war.
Damit wir uns die Szene vergegenwärtigen können, müssen wir noch mehr über das jüdische Pfingstfest wissen: Man erinnert sich an diesem Fest an den Aufstieg des Mose auf den Berg Sinai, das Wesentliche an Pfingsten aber ist sein Bezug zu Ostern: Es ist der 50. Tag nach dem Pascha (Ostern), d.h. der 50. Tag nach dem Auszug aus Ägypten, der 50. Tag nach

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dem Abschied von den Fleischtöpfen des Sklavenhauses, der 50. Tag in der Freiheit.
Zum Pascha ist die Entscheidung zur Freiheit, die schon lange gefällt war, endlich in die Tat umgesetzt worden. Und darauf folgen die Tage der Bewährung, die Zeit, in der die Reste der alten Welt abgeworfen werden müssen, damit das neue Leben nicht bloß äußerlich bleibt.
Die Zeit vor dem Schritt in die Freiheit war gewissermaßen die Zeit, in der eine Vision Gestalt angenommen hat und der Schritt selbst ist die Krönung der Vision, aber noch nicht die Freiheit. Die muß jetzt erst errungen werden, denn die alte Weltanschauung sitzt tief und sie kehrt im Alltag immer wieder und macht die Freiheit zunichte. Jeder, der in Exerzitien, Retreats oder anderen spirituellen Erfahrungen die Freiheit an sich erlebt hat, weiß, wie schnell es dann im Alltag darum geschehen ist, wie schnell die alten Verhaltensmuster wiederkehren. Das ist es, was in der Zeit zwischen dem Pascha und Schawuot (Pfingsten) zu bearbeiten ist. Die religiöse Tradition der Juden sieht daher in den 7x7 Tagen zwischen Ostern und Pfingsten die Panzerschalen sich lösen, die wir uns in der Zeit unseres Exils zugelegt haben, um uns zu schützen — und sie vergleicht diesen Vorgang mit einem ähnlichen Prozeß, der sich im südöstlichen Mittelmeerraum in dieser Zeit in der Natur vollzieht: Hier lösen sich im Reifungsprozeß die inneren Schalen vom Getreidekorn, so daß es geerntet und verarbeitet werden kann. Zu Pfingsten ist dieser Vorgang gerade abgeschlossen und die erste Ernte ist eingebracht. Am 50. Tag also erscheint das nackte Korn und so erscheint am 50. Tag auch der von seinen Schalen befreite Mensch, aber nicht so wie er im Paradies geschaffen worden ist, sondern bereichert um die Erfahrungen des Sündenfalls und der Erlösung. Übertragen auf die Apostel heißt das: In der Zeit vor Ostern hat sich in den Aposteln durch das Beispiel Jesu eine Vision der Freiheit entwickelt. Den tatsächlichen Schritt in die Freiheit jedoch konnten die Apostel in der Anwesenheit ihres Meisters nicht vollziehen. Seine bereits erreichte Freiheit über-

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strahlte ihre Vision zu sehr. Deshalb schenkte Jesus ihnen (und uns) den Schock seines Todes, so wie den Israeliten in Ägypten der Schock des Vorübergehens des Todesengels geschenkt worden war, als letzten Anstoß für den konkreten Schritt aus der Todesangst heraus in die Freiheit. Für die Apostel bestand der konkrete Schritt darin, daß das, was Jesus für sie war, in ihnen lebendig wurde und daß damit sie selbst erst wirklich zum Leben erwachten. Das war Ostern. Da erlebten sie ihre Neugeburt. Und nun folgen die 7 x 7 Tage, in denen sie die alte Welt abschütteln mußten, damit sie die neu gewonnene Freiheit behalten konnten. Wir kennen ja die Gefahr, in der die Hälfte der aus der Sklaverei bereits befreiten Israeliten umkam: die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Die Apostel sind dieser Gefahr entronnen. In der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten haben sie ihre kleine, durch Todesangst behütete »Ich«- Welt abgeschüttelt, und geblieben ist das ursprünglich Menschliche, und das war erfüllt vom Heiligen Geist.
Damit wir das damalige Erlebnis der Apostel nachvollziehen können, müssen wir wie sie mit der Vision unserer Freiheit beginnen.
 
 

Meditation: Die Vision der Freiheit

Bevor du versuchst, die Vision deiner Freiheit wachzurufen, setz dich bequem und gerade hin und beobachte einfach nur deinen Atem.

Wenn du innerlich ganz ruhig geworden bist, erinnere dich an das Beispiel von Freiheit, das Jesus dir gegeben hat: Er war an nichts gebunden, außer an den »Vater«, nicht an seine Eltern, nicht an Obrigkeiten, nicht an Freunde, nicht an Vorstellungen von Macht und Wohlergehen, nicht einmal an sein eigenes Leben. Und seine Bindung an den Vater war keine Bindung an irgendetwas außerhalb, es war die Bindung an seine eigene innere Wahrheit.

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Und dein Leben, wie sieht es aus in Freiheit? Wovon bist du da gelöst? Und wo findest du deine eigene innere Wahrheit und wie unterscheidest du sie von deinen Vorstellungen? Erinnere dich an die Zeiten und Momente, wo du dieser inneren Wahrheit ganz gewiß gefolgt bist. Was für ein Gefühl war das? Erinnere dich an die Gelassenheit, den Friedens, die Gewißheit, die Einheit mit dir selbst und mit den anderen.

Verweile in Stille an diesem Ort deiner Freiheit und genieße die Gelassenheit jetzt, während du einfach deinen Atem beobachtest.

Wenn es dir aber so geht, wie den Aposteln nach dem Tod Jesu, wenn du traurig und aufgewühlt bist oder einfach deprimiert oder müde oder unverbesserlich faul oder zerstreut, wenn du dich also vergeblich bemühst, die Vision deiner Freiheit wiederzufinden, dann spüre eben dieses Hindernis und laß dich ein auf die folgende Übung:
 
 

Meditation: Das Spüren der Verdammung

Wenn du lange vergeblich versucht hast, deine Gedanken zur Ruhe zu bringen, dann mühe dich nicht länger auf diese Weise, sondern schau dir das Hindernis an. Zunächst jedoch schaffe einen geeigneten Rahmen: Setz dich bequem auf den Boden und räume alle harten Gegenstände mindestens im Umkreis deiner Körperlänge aus dem Weg. Es ist gut, wenn du eine weiche Unterlage hast, damit du dich nicht verletzt bei dem, was dann vielleicht kommt. Und es ist gut, wenn du dir erlauben kannst, Lärm zu machen, denn die Verdammung tut weh, und wenn du dir erlaubst, sie zu spüren, dann wundere dich nicht, wenn du plötzlich losbrüllst oder wild um dich schlägst. Wenn es möglich ist, übe das nicht allein, sondern suche dir andere, die auch die Wahrheit sehen möchten, denn alle können ja erst frei sein, wenn sie ihre Wahrheit gesehen und angenommen haben. Für den Fall, daß schlimme Erinnerungen

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wach werden sollten, stelle auch sicher, daß jemand in der Nähe ist, bei dem du Geborgenheit finden kannst. Und sorge dafür, daß du genügend Zeit hast, je nachdem wie tief du gehen möchtest, eine oder zwei Stunden oder den ganzen Tag. Auch Musik kann helfen, besonders Musik, die tiefe Gefühle anspricht und die Sehnsucht nach Erlösung weckt. Wenn du also den geeigneten Rahmen geschaffen hast, setz dich bequem auf den Boden. Wenn möglich, setz dich auf deine Unterschenkel oder auf ein Kissen.
Und nun, wo du auf alles vorbereitet bist, schau auf das, was dich daran hindert, frei zu sein. Schau dir dein Verhängnis an. Sieh deine Angst. Geh tiefer so lange, bis du bei deiner tiefsten Angst angekommen bist. Und da verweile. Laß sie kommen. Lauf nicht weg. Schau so lange, bis du sie ganz klar siehst. Und dann laß dich von ihr erfassen. Und drücke sie aus mit jeder Faser deines Seins.
Es kann sein, daß du nun totale Verzweiflung spürst, daß Tränen kommen oder Zuckungen, daß du strampelst oder schreist. Was immer kommt, drück es aus! Halte es nicht länger zurück! Geh nur hinein in deinen Tod, und du wirst verwandelt zurückkehren. Und dann bedenke: Es gibt ganze Kulturen, die größten Wert darauf legen, daß jedes Mitglied durch diesen Prozeß hindurchgeht und die Todesangst ein für allemal überwindet. Dazu dienen die Übergangsriten. Auch in unserer Kultur gibt es Wege, die Angst zu überwinden und du bist gerade auf einem dieser Wege. Und du brauchst jetzt keine heroische Anstrengung, sondern es gibt einen Ort in dir, an dem die Angst bereits überwunden ist. Finde diesen Ort. Und du wirst ihn mit Sicherheit finden, wenn du in Kontakt bleibst mit deiner Wahrheit.
Erinnere dich auch an das Beispiel der Mutter des Propheten Samuel. Die Befreiung kam, als sie ihre Verzweiflung zum Ausdruck brachte.
Es kann sein, daß du in dieser Übung nicht tief genug gehst und daß du im Selbstmitleid steckenbleibst. Dann kommen endlos

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Tränen oder auch Wutausbrüche, immer wieder, und es geschieht keine Befreiung. Dann erinnere dich, daß du im Grund nicht deshalb traurig bist, weil du meinst nicht genug Liebe erfahren zu haben, sondern weil dir die Kraft fehlt, dein Leben dahingehend zu ändern, daß du bekommst, was du brauchst. Erst wenn du das bedenkst, und aufgibst zu erwarten, daß du alles umsonst bekommst, wenn du nur lange genug weinst und schreist, dann triffst du auf dein wirkliches Hindernis, das du bisher als unlösbares Verhängnis betrachtet hast. Und dann kann es sich lösen, denn dann machst du dich selbst bereit, deine ganze Kraft einzusetzen, so gering sie auch sein möge.
Wenn du die Wahrheit deiner Verdammung - und wer kennt sie nicht? - in ihrer ganzen Tiefe mit deinem ganzen Sein ausgedrückt hast, wirst du spüren, daß du an einem anderen Ort bist. Etwas hat dich hochgehoben. Das Hineingehen in den Tod deiner Verdammung, das Annehmen der Wahrheit, was immer sie sein möge, bringt dich auf diese andere Ebene deiner Existenz. Und auf dieser anderen Ebene gibt es keinen Tod. Da gibt es nur das ewige Leben. Und du bist ein Teil davon. Und das spürst du jetzt, ohne jeden Zweifel.
In diesem Augenblick bist du befreit von deinen alten Schranken, doch versuche nicht, das Erlebnis festzuhalten. Nimm dich so wie du bist. Das Abbauen der Mauern braucht Zeit und möglicherweise wirst du noch lange damit beschäftigt sein. Und die folgenden beiden Übungen können dich darin unterstützen:
 
 

Übung: Katsugen

Diese Übung habe ich von dem japanischen Shiatsu-Meister und Shinto-Priester Shinmei A. Kishi. Du brauchst dafür etwa zwanzig Minuten bis eine Stunde Zeit.
Es ist von Vorteil, diese Übung nicht allein zu machen, sondern in einer Gruppe. Falls du dazu aber keine Gelegenheit hast, bereite dir, wie oben beschrieben, eine sichere und geschützte

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Umgebung, in der auch bizarre Bewegungen und Töne möglich sind.
Um deine Gedanken abzulenken, kannst du im Hintergrund sanfte Musik laufen lassen. Dann setz dich auf deine Unterschenkel oder auf ein Kissen und beginne mit einigen Vorübungen:
Zuerst löse die Spannung in der Magengrube, indem du drei Mal tief einatmest und jeweils beim Ausatmen mit den Fingerspitzen beider Hände in die Magengrube drückst und dich dabei langsam zusammensinken läßt. Arn Ende des Ausatmens entspanne plötzlich alle Muskeln und laß dich fallen. Als zweite Vorübung verwinde deine Wirbelsäule beim Ausatmen so stark wie möglich. Hebe dazu deine Arme waagrecht und drehe deine Schultern und deinen Kopf so weit wie möglich. Tu das drei Mal in beide Richtungen und laß am Ende des Ausatmens wieder Arme und Schultern fallen. Als dritte Vorübung hebe deine Hände während des Einatmens hoch, balle sie zu Fäusten und dann presse, indem du die Fäuste nach unten und hinten drückst, die Luft aus dir heraus und am Ende des Ausatmens entspanne Schultern und Arme wieder mit einem Mal total. Wahrscheinlich wirst du nun gähnen. Das ist ein Zeichen der Entspannung. Bleib nun entspannt auf deinen Unterschenkeln sitzen und laß jede Bewegung zu, die kommt.
Sei auf alles vorbereitet! Es können plötzlich sehr wilde Bewegungen kommen und es kann auch sein, daß sich ein Schrei dir entwindet oder daß Tränen fließen. Vielleicht stellt sich aber auch eine sehr sanfte Bewegung ein. Was immer es ist, laß es zu. Wenn du glaubst, es ist genug, schließe die Übung ganz bewußt ab, indem du die Öffnung, die du zu Anfang erzeugt hast, wieder schließt: Atme drei Mal ganz tief durch und am Ende des dritten Males schlage dich selbst ganz fest auf die Schulter. Dann sitz gerade, atme tief ein und beim Ausatmen summe einen Ton und ziehe dann die Muskeln des Unterbauchs ruckartig zusammen, so daß ein harter Panzer entsteht. Genau in diesem Moment schlage mit der Faust darauf und sage: »Sehr gut!« Damit ist die Übung abgeschlossen und dieser Abschluß

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verhindert auch, daß du weiter wie ein Betrunkener durch die Gegend wankst.
Es kann gut sein, daß du diese Übung viele Male vergeblich zu machen versuchst. Das liegt daran, daß du noch nicht wagst, zuzulassen, was kommt, oder daß du dir zu viele Gedanken darüber machst. Die eigene ursprüngliche Bewegung zu finden, ist für die meisten von uns sehr schwer, weil wir gewohnt sind, selbst unsere kleinsten Bewegungen zu kontrollieren. Eine Gruppe, die sich gemeinsam im Loslassen übt, kann dir über viele Barrieren hinweghelfen.
Falls du die Übung aber allein machst und nach vielen vergeblichen Anläufen ungeduldig geworden bist, kann dir die folgende Übung, das holotrope Atmen, zeigen, in welche Richtung die Reise geht. Holotropes Atmen solltest du anfangs auf keinen Fall allein praktizieren und das ist auch nicht nötig, weil viele Therapeuten mit dieser Methode arbeiten und auch Gruppen anbieten.
 
 

Übung: Holotropes Atmen

Diese Übung stammt von Stanislav Grof. Grof, der zuvor mit LSD gearbeitet hat, ist wegen des Verbots der Droge dazu übergegangen, Hyperventilation zu benützen, um einen Zugang zu den tieferen Schichten des Bewußtseins zu eröffnen. Er hat die Übung »Holotropes Atmen« genannt.
Grof ist natürlich nicht der Erste, der mit dieser Methode arbeitet, sondern die Hyperventilation spielt in den Übungen vieler spiritueller Traditionen seit je her eine große Rolle, z.B. im Pranayama der Hindus und im Dhikr der Sufis.
Das holotrope Atmen kann eine äußerst starke Wirkung haben, deshalb solltest du bei dieser Übung nie ohne Begleitung sein. Außerdem brauchst du wieder einen sicheren äußeren Rahmen. Die Atmosphäre im Raum sollte gut sein, jede Lautäußerung sollte möglich sein und du brauchst eine weiche Unterlage mit etwas Platz drum herum. Du brauchst wenigstens zwei

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Stunden Zeit für die Übung selbst und für hinterher solltest du dir nichts Bestimmtes vornehmen.
Zur Vorbereitung gehört auch eine entsprechende Auswahl von Musik, die zuerst stark rhythmisch und laut sein sollte (z.B. afrikanische Trommeln), um dir zu helfen, die notwendige Atemfrequenz und -tiefe zu erreichen, und die dich dann in die in die Tiefe deiner Gefühle führen soll (Trauer, Ehrfurcht, Staunen, Bedrückung, Gnade, Befreiung, Humor etc.).
Wenn du alles vorbereitet hast, lege dich hin; dein Begleiter / deine Begleiterin soll sich neben dich setzen. Atmet zuerst beide ganz normal, aber so daß ihr einen gemeinsamen Rhythmus findet. Damit du während deiner Atemreise nicht zu viel sprechen mußt, vereinbart Zeichen, durch die du ihm/ihr zu verstehen geben kannst, was du von ihm/ihr möchtest. Und du solltest ihn/sie wirklich dazu benutzen, genau das zu bekommen, was du brauchst, sei es einfach nur da sein oder dich in den Arm nehmen, dich massieren, Druck auf dich ausüben, mit dir ringen etc., was immer es ist, was du brauchst, laß es ihn/sie wissen. Und laß dich auch erinnern, falls du vergißt, auf die in dieser Übung vorgeschriebene Weise zu atmen.
Wenn alles vereinbart ist, schließe die Augen, vielleicht sogar mit einer Augenblende, und beginne, auf deinen Atem zu achten. Langsam steigere die Tiefe deiner Atemzüge und dann auch die Frequenz, bis du schnell und sehr tief atmest.
Durch diese Atemtechnik entsteht im Blut eine ungewöhnlich hohe Sauerstoffanreicherung, die dich in einen Trancezustand versetzt, in dem du in sonst verborgene Schichten der Gefühlswelt deines Unbewußten eintauchen kannst.
Manchmal führt die Hyperventilation zu einer Verkrampfung in den Fingern und Händen. Diese kann sehr schmerzhaft sein, ist aber völlig ungefährlich. Der Krampf löst sich schnell, sobald du wieder normal atmest und die Betonung auf das Ausatmen legst. Es ist nicht unbedingt nötig, sich hier hindurchzuquälen, aber umso tiefer du hineingehst, umso schneller löst sich diese Barriere auf. Beim nächsten Mal wird die

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Verkrampfung schon weniger stark auftreten, bis sie schließlich ganz wegbleibt.
Sei nicht enttäuscht, wenn sich bei deiner ersten Atemreise nichts besonderes ereignet. Teils liegt es daran, daß Erwartungen eine Spannung erzeugen, die kaum etwas durchlassen, teils brauchen die Barrieren, die das Unbewußte umgeben, einfach Zeit, um sich zu lösen. Jedenfalls wirst du von Mal zu Mal tiefer gehen können. Und an manchen Schlüsselstellen kannst du gewissermaßen deine eigene Geschichte verändern, indem du sie von dem Wissen aus betrachtest, das du jetzt hast. Auf diese Weise werden von dir in der Vergangenheit getroffene Entscheidungen aufgehoben und du kannst dich von alten Unzulänglichkeiten lösen.
Das Wichtigste bei dieser, wie bei den vorangegangenen Übungen ist der Kontakt, den du zu deiner spontanen Bewegung bekommst, und damit auch zu deinem ursprünglichen Charakter. Du kannst dir erlauben, nichts mehr zu verbergen und dich zu zeigen, wie du wirklich bist. Du darfst wieder Kind sein und dir etwas wünschen und es dir holen. Und für eine Weile kannst du dir diese Sensibilität auch nach der Übung bewahren.
Auf dem Weg zur Wahrheit wirst du jedoch immer wieder auf die Mauer stoßen, in die du dich eingeschlossen hast wegen der vielen Verletzungen, die du erfahren hast. Und immer wieder wirst dich durch diese Mauer hindurcharbeiten, um dann, jenseits dieser Mauer auf den Menschen zu treffen, der du in Wirklichkeit bist, und der ständig darauf wartet, daß du endlich kommst, um mit ihm in die Freiheit zu gehen. Laß ihn erscheinen und tanz mit ihm!
Damit du das von Herzen kannst, laß dich schütteln von den vielen Gefühlen, die du nie zeigen durftest. Laß all das Steckengebliebene, all das Hinuntergeschluckte hochkommen, denn jetzt darf es sein.
Auch bei den Aposteln war es so, daß sich in den 50 Tagen zwischen Ostern und Pfingsten immer wieder all das gezeigt hat, was sie vorher hatten verbergen müssen. 7x7 Tage

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waren sie damit beschäftigt, dann waren sie von allem Zurückgehaltenen befreit. Diese 7x7 Tage waren eine Kur für sie, nach der sie wirklich neu geboren waren. Nur so konnte Pfingsten ihr endgültiges Erleuchtungserlebnis werden, von dem an sie als stets neue und freie Menschen durchs Leben gehen konnten. Und wie heutige spirituelle Meister auch konnten sie in diesem erneuerten Zustand nur bleiben, weil sie alles Unwahre immer wieder abschüttelten und stets unerschrocken ihr wahres Gesicht zeigten. Das ist das Geheimnis von Pfingsten.
Der Heilige Geist aber ist nicht erst zu Pfingsten erschienen, er ist immer schon da. Er gehört zur göttlichen Natur des Menschen. Er kann sich aber nur zeigen, wenn du dein wahres Gesicht zu zeigen wagst: Wenn Schmerz, dann Schmerz, wenn Freude, dann Freude, wenn müde, dann müde, wenn dumm, dann dumm, wenn sauer, dann sauer, wenn am Ende, dann am Ende.
Es gibt viele Tode im Leben. Und solange du das Absterben verhindern willst, lebst du ständig in Streß und Angst. Wenn du aber trotz deiner Angst hineingehst in den Tod, kannst du jedesmal eine Auferstehung erleben. Sieh daher jedes Ende als eine Gelegenheit für dich, eine alte Schale abzuschütteln! Und umso öfter du den Tod zulassen kannst, umso klarer wird dir werden, was Auferstehung ist. Und bald brauchst du an nichts mehr festhalten und du kannst tatsächlich dem Heiligen Geist trauen, auch wenn er nicht dort weht, wo du willst, sondern wo er will. Und dann lebst auch du wie die Apostel von Tag zu Tag neu.

Und diese Gelöstheit spüre nun für eine Weile, während du einfach nur auf deinen Atem achtest.

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