Vorbemerkung: Das individuelle Ende der Welt und das neue Leben danach

 

Amen, ich sage euch:
»Einige, von denen, die hier stehen, werden den Tod sicher nicht kosten,
bis sie den Sohn des Menschen in seine Herrschaft eintreten sehen.«
(Mt 16, 28)

Wer sich je abgeschnitten gefühlt hat von der Quelle des Lebens, wird sofort verstehen, worum es in diesem Buch geht. Eine Wiedergeburt aus dem Geist wird für ihn - oder sie - eine Notwendigkeit sein.
Die Erfahrungen des Abgeschnittenseins samt den Gefühlen von Unzulänglichkeit, Schuld, Lebensangst gehören zum Schicksal aller Menschen. Leider aber verwenden wohl die meisten allergrößte Anstrengungen darauf, diese Gefühle zu betäuben und zu leugnen. Und genau das führt dazu, daß sie die Möglichkeit einer Transformation zu Lebzeiten aus den Augen verlieren und die Bilder von der Auferstehung nur noch zeitlich-materiell verstehen. Ich konnte das nicht, und ich habe nicht aufgehört, nach dem Ewigen Leben jetzt zu suchen. Und so habe ich eines Tages eine große Veränderung erfahren, von der aus die biblischen Erzählungen in einem völlig neuen Licht erschienen. Und von da her weiß ich, daß alle diese Veränderung erfahren können, die sich der Wahrheit stellen wollen.
Es wird sein, als wären sie aus einem Alptraum aufgewacht. Alle Sorgen sind weg, alles ist gut. Sie fühlen sich eins mit dem Leben, wie neu geboren, ja »wahrhaft« auferstanden von den Toten. Dabei sind die konkreten Schwierigkeiten durchaus nicht aus ihrem Bewußtsein verschwunden, aber jetzt werden auch die größten Schwierigkeiten als ganz normal empfunden. Das Erlebnis wird vorübergehen und, nach vielen vergeblichen

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Anstrengungen, wiederkommen und erneut vorübergehen, bis es schließlich bleibt, aber von da an werden sie das Leben mit anderen Augen sehen und auch die heiligen Schriften, denn jetzt haben sie das Erwachen, das diese beschreiben, wenigstens im Keim, selbst erlebt.
Mein neues Verständnis hat das ganze System von theologischen Vorstellungen abgelöst, das ich bis dahin für den Glauben der Bibel, bzw. der Kirche, gehalten hatte. Als ich anderen davon erzählte, bemerkte ich immer wieder ein tiefes Aufatmen. Und das hat mich ermutigt, das Wichtigste hier zusammenzustellen für alle, die von dem Üblichen nicht mehr berührt werden. Sie warten vielleicht schon lange auf etwas, das dem lebendigen Jesus wieder gerecht wird, auf einen literarischen Begleiter auf ihrem Weg der Transformation.
Dieser Begleiter wird sie unter anderem in vielen Übungen immer wieder daran erinnern, daß das Ewige Leben jetzt schon da ist und daß es auch spürbar wird, wenn wir eins sind mit dem, was der Geist gerade schickt. Die klischeehaften Vorstellungen vom »Leben nach dem Tod« dagegen kommen nicht vom Heiligen Geist. Sie sind von unserer Ablehnung der dunklen Seiten des Lebens motiviert: Durch sie meinen wir unsere Angst vor dem Loslassen zudecken zu können. Wir brauchten eben nicht - wie die biblischen Väter - stets auf die unmittelbare göttliche Führung horchen. Wir brauchten nur unsere »religiösen Pflichten« erfüllen, egal wie zwanghaft, um dann, nach dem Tod, dafür belohnt zu werden.
Von diesem Zwang wollen wir frei sein. Wir wollen unser Leben als lebendig begreifen, als neu und überraschend in jedem Moment. Das ist eine Herausforderung, doch wir sind ihr gewachsen, weil wir jetzt wieder Vertrauen haben zur unmittelbaren göttlichen Führung, aus der allein die spontane Kraft kommt und die Fülle es Lebens,

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I   Die biblischen Erzählungen über die Auferstehung
 
 

Zwei Beispiele zur Symbolik biblischer Erzählungen:

Der Zug der Israeliten durchs Rote Meer
(zu Ex 14, 21f.)

Damit wir beim Lesen und Überlegen der Erzählungen über die Auferstehung Jesu nicht zu sehr in unserem gewohnten journalistisch-»faktischen« Verständnis hängenbleiben, möchte ich mit einem Detail aus einer anderen Auferstehungsgeschichte beginnen. Es geht um den Zug der Israeliten durchs Rote Meer. Die Erzählung ist deshalb besonders lehrreich, weil sie zwei Perspektiven des Ereignisses miteinander verknüpft, die für unser gewöhnliches Verständnis völlig unvereinbar sind. Es heißt dort nämlich einerseits, der Durchzug wurde möglich, weil ein langanhaltender starker Ostwind das Meer an dieser Stelle trockengelegt hat, und gleichzeitig sagt der Erzähler, die Israeliten hätten das Meer durchquert, während das Wasser links und rechts von ihnen wie eine Mauer gestanden habe:

Und Mose streckte seine Hand über das Meer aus,
und JAHWE ließ das Meer durch einen starken Ostwind zurückweichen die ganze Nacht über
und machte das Meer zu trockenem Land.
Und die Wasser spalteten sich.
Und die Söhne Israels zogen mitten in das Meer hinein

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auf trockenem Grund;
und das Wasser war ihnen eine Mauer
zur Rechten und zur Linken.

Wir kennen die Szene aus den Filmen über den Exodus. Da steht das Wasser immer wie eine Mauer. Aber »historisch-faktisch«, so scheint es, kann nur die Geschichte mit dem Wind zutreffen. Die Version, in der das Wasser wie eine Mauer steht, muß der Legende angehören, denn so etwas gibt es ja nicht.
Das ist für uns selbstverständlich und es hat keine weiteren Folgen für unseren Glauben. Wir gestehen der orientalischen Phantasie gern solche Ausschmückungen zu. Sollte sich in uns jedoch der Verdacht erheben, daß sich auch zentrale Ereignisse, wie die Auferstehung Jesu, als solche »Blüten der orientalischen Phantasie« erweisen könnten, dann kann unser Glaube schon ins Wanken kommen. Deshalb soll uns unser Beispiel zeigen, daß biblische Geschichte anders zu verstehen ist als profane Geschichte:
Unser Text etwa enthält eine Feinheit, die uns erst auffällt, wenn wir ihn nicht mehr »faktisch« verstehen: Es ist die Parallele zum Schöpfungsbericht, wo sich auch die Wasser spalten und wo ebenso trockenes Land erscheint (Gen 1, 7-9).
Für die Autoren der Bibel ist eines klar (was uns eben nicht mehr klar ist): Nicht der Wind, sondern das »Wort« Gottes scheidet die Wasser. Von Anfang an ordnet das »Wort« Gottes das Chaos und macht so Leben erst möglich. Weil sie dem »Wort« Gottes folgen, können sich die Israeliten mitten ins Chaos hineinwagen. Wenn Mose die Hand ausstreckt, so ist es Gottes »Arm«, der die bedrohlichen Fluten wie eine Mauer hält. Das ist für die Israeliten das Faktum. Der Wind führt den Befehl nur aus. Der Ausführende ist austauschbar und nicht das Wesentliche. Und die Symbolik der biblischen Sprache löst sogar noch das letzte »Konkrete« auf und hebt es in die geistige Sphäre - wenn »Wind« auf den Geist hindeutet und »Osten« für den neuen Anfang steht.

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Alles ist wichtig. Das Unwichtigste ist das journalistische »Faktum«, nämlich was damals genau geschehen ist. Nichts ist auszuschließen und nichts kann behauptet werden über das historische Ereignis, als daß die Israeliten unter göttlicher Führung der Sklaverei entkommen sind und daß das Meer (das Chaos) für sie kein Hindernis war, sondern ihre Rettung, weil ihre Verfolger darin steckenblieben.
Das Problem liegt also nicht in der Bibel, sondern in den Vorentscheidungen unseres Verstehens: Wir geben uns nur mit »Fakten« ab. Wir haben keine Zeit mehr, uns in die ganzheitliche Symbolsprache des Lebens einzufühlen. Wir wollen das Leben beherrschen durch analytische Daten.
Solche Daten (die »Fakten«) bestimmen unsere Welt seit wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Vom Baum des Lebens aus betrachtet aber (vom Standpunkt der Autoren der Bibel aus), gibt es keine isolierten Daten, da gibt es nur das freie Wirken des Geists, das sich in naturwissenschaftlichen Kategorien nicht fassen läßt — ja mehr noch: Die naturwissenschaftlichen Kategorien und Fragestellungen sind wie die Streitwagen der Ägypter, die zwar genial konstruiert sind und wunderbar funktionieren, aber doch die Rückkehr des Meeres (des Chaos) und das Ertrinken ihrer Fahrer nicht verhindern können.
Alles in der Bibel ist nur vom Baum des Lebens her zu verstehen. Die Erzählungen lassen sich daher in ihrer Bedeutung nicht fixieren. Sie sind niemals wörtlich im journalistischen Sinn zu verstehen - selbst wenn sie im Kontext eines historischen Geschehens stehen und dem grammatikalischen Sinn nach anscheinend eindeutig ein konkretes historisches Ereignis beschreiben.
Für die biblischen Erzähler ist der »Inhalt« eines heilsgeschichtlichen Ereignisses nicht das dokumentierbare Geschehen, der Inhalt hegt vielmehr in der geistigen Wirklichkeit hinter diesem Geschehen, also auf einer Ebene der Wirklichkeit, die nur in Symbolen beschrieben werden kann.

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Ein wissenschaftlich eingestellter Leser — und das sind fast alle Leser unserer Zeit — muß an den biblischen Beschreibungen fast notwendig scheitern. Die Gewohnheit, in naturgesetzlichen, zeitlichen Abläufen zu denken, ist nicht vereinbar mit dem biblischen Denken. Konsequent verfolgt, muß es fast dazu führen, die Bibel insgesamt als altertümlichen Aberglauben über Bord zu werfen - wenn einer nicht sein Bewußtsein spaltet und sich ein irrationales Hintertürchen offenhält.
Aber der Zugang zu jenem Bereich öffnet sich nicht durch irrationale Hintertürchen, sondern nur durch volles und ganzes Akzeptieren des Hier und Jetzt. Erst wenn jemand nicht mehr fragt, wie es weitergeht, erst wenn der Glaube an die Kontinuität der Ereignisse hinfällig geworden ist, können sich die Schranken von Raum und Zeit lösen und alles kann möglich werden. Und da erst sind wir beim Glauben der Bibel.

Damit die Menschen unseres Kulturkreises wieder Zugang finden können zu diesem Glauben, müssen die biblischen Geschichten heute ganz neu erzählt und erklärt werden — und das möchte ich hier tun mit den Auferstehungs-»Berichten« des Neuen Testaments.
Zunächst bleiben wir aber noch im Alten Bund, denn der Ursprung unserer Auferstehungs-Symbolik liegt hier, in einer schweren Zeit unerfüllter Sehnsucht, in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft:
 
 

Das zerstörte Israel steht von den Toten auf
(Ez37, 1-14)

Unzählige waren im Krieg gegen die Babylonier gefallen. Die Überlebenden waren verschleppt worden in die Babylonische Gefangenschaft. Israel war ausgelöscht. Und da empfängt der Prophet Ezechiel dieses visionäre Bild:

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1 Es kam über mich die Hand JAHWE's
und er führte mich im Geist hinaus
und versetzte mich in eine Talebene;
die aber war voll von Gebeinen.
2 Und er führte mich ringsum an ihnen vorüber;
und sieh, es waren sehr viele über die Ebene verstreut.
Sie waren ganz vertrocknet.
3 Und er sprach zu mir:
Menschensohn,
werden diese Gebeine wieder lebendig werden?
Ich antwortete: Herr, JAHWE, du weißt es!
4 Da sprach er zu mir:
Weissage über diese Gebeine und sage zu ihnen:
5 Ihr vertrockneten Gebeine, hört das Wort JAHWE's!
So spricht der Herr, JAHWE, zu diesen Gebeinen:
Ich selbst gebe euch Atem, daß ihr lebendig werdet.
6 Und ich lege Sehnen an euch und umgebe euch mit Fleisch
und überziehe euch mit Haut
und ich gebe euch Atem, daß ihr lebendig werdet.
Und ihr werdet erkennen, daß ich JAHWE bin.
7 Und ich weissagte, wie mir befohlen war;
Da entstand ein Geräusch, als ich weissagte,
und sieh, ein Getöse:
Und die Gebeine rückten zusammen, Gebein an Gebein.
8 Und ich sah, und sieh:
Sehnen an ihnen und Fleisch umgab sie
und Haut zog sich darüber;
aber es war noch kein Atem in ihnen.
9 Und er sprach zu mir:
Weissage dem Atem, weissage. Menschensohn,
und sprich zu dem Atem:
So spricht der Herr, JAHWE:
Von den vier Winden komm, du Atem,
und wehe diese Erschlagenen an,
daß sie lebendig werden!

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10 Da weissagte ich, wie er mir befohlen hatte,
und der Atem kam in sie
und sie wurden lebendig und standen auf ihren Füßen,
ein sehr sehr großes Heer.
11 Und er sprach zu mir:
Menschensohn! Diese Gebeine, sie sind das ganze Haus Israel!
Sieh, sie sagen: Unsere Gebeine sind vertrocknet
und unsere Hoffnung ist verloren; es ist aus mit uns!
12 Deshalb weissage und sprich zu ihnen:
So spricht der Herr, JAHWE:
Sieh, ich öffne eure Gräber
und lasse euch aus euren Gräbern heraufkommen, mein Volk,
und bringe euch ins Land Israel.
13 Und ihr werdet erkennen, daß ich JAHWE bin,
wenn ich eure Gräber öffne
und euch aus euren Gräbern heraufkommen lasse, mein Volk.
14 Und ich gebe meinen Geist in euch, daß ihr lebt,
und ich werde euch in euer Land setzen.
Und ihr werdet erkennen,
daß ich, JAHWE, geredet und es getan habe,
spricht JAHWE.

Die Israeliten sind ausgelöscht. Die Überlebenden sagen von sich selbst: »Unsere Gebeine sind vertrocknet und unsere Hoffnung ist verloren; es ist aus mit uns.« (V 11).
Die Totengebeine, die Ezechiel sieht, sind also nicht die Gebeine der Individuen, die in den Schlachten gefallen sind, sondern sie sind das Symbol für die zerstörte Hoffnung des Volkes. Und entsprechend ist die Wiederbelebung der Gebeine nicht die persönliche Wiederbelebung der damals Gefallenen, sondern es ist die Wiederbelebung des am Boden zerstörten Volkes Israel - als »Volk Gottes«. Als solches werden sie die Niederlage und die Verschleppung überleben. Wie JAHWE »sein« Volk schon aus Ägypten gerettet hat, wird der »ich bin der ich bin« es auch aus Babylon erretten.

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Trotz ähnlicher Formulierungen hat diese Stelle noch nichts gemein mit der späteren Vorstellung von einem Leben »nach« dem Tod. Es geht um die Wiedergeburt eines Volkes und jedes seiner Mitglieder:
Der Prophet Ezechiel sieht in seiner Vision, wie sich der entschwundene Lebensgeist der Israeliten erneut in der Geschichte manifestiert als Geist des Volkes Gottes und wie dieser Geist jedem einzelnen Glied des Volkes zum Mittler wird für seine persönliche Erneuerung.

Die neutestamentliche Vision ist grundsätzlich nicht sehr verschieden von der des Ezechiel, nur rekrutiert sich das Volk Gottes jetzt nicht mehr nur aus einem Stamm. Nicht mehr der Geist eines Volkes ist der Mittler, sondern - und sogar das nimmt Ezechiel schon vorweg - der Geist des Menschen (-sohnes), der dann exemplarisch erschienen ist in der Gestalt Jesu.
Der Geist, der in der Auferstehung Jesu erscheint, manifestiert sich daher nicht mehr in erster Linie kollektiv, sondern individuell und persönlich. Nicht mehr ein Volk ist angesprochen, sondern jeder einzelne Mensch, denn alle müssen auferstehen.
(Fast) alle haben ja durch den Genuß vom Baum der Erkenntnis den Kontakt verloren zu ihrem lebendigen Kern und so sind (fast) alle innerlich abgestorben. Durch das Beispiel Jesu aber kann der Menschensohn in allen von den Toten auferstehen. Seine Hingabe kann den Geist der Hingabe und des kindlichen Vertrauens in jedem Menschen wecken und ihn zurückführen in die Unschuld des Paradieses, zum Baum des Lebens. Das ist die Vision des Evangelisten Johannes:
»Er gab ihnen die Macht, Kinder Gottes zu werden!« (Joh 1, 12).

Es klingt so einfach! Doch wie schwer ist es für uns, unsere Vorstellungen loszulassen und zur kindlichen Unschuld zurückzufin-

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den! Fast immer braucht es Situationen der Verzweiflung, damit uns die Augen aufgehen. Die Israeliten brauchten Sklaverei und Gefangenschaft, die Apostel brauchten den Tod ihres Meisters - und wir? Vielleicht brauchen wir etwas ebenso Drastisches! Vielleicht brauchen wir »das Zeichen des Propheten Jona« (Mt12,39) - der erst begriff, als ihn das Chaos (in der symbolischen Gestalt des Seeungeheuers) bereits verschlungen hatte!
Es sei denn, wir könnten unsere Welt auf andere Art radikal in Frage stellen lassen - etwa indem wir nachvollziehen, was die Schüler Jesu durchmachen mußten, bevor sie die Auferstehung ihres Meisters erleben durften!
Versuchen wir es!

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